Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

«Er war ein Gottverliebter»: Luke Gassers neuer Film über den Ikonografen Josua Boesch

Josua Boesch war ein menschliches und religiöses Phänomen. Weil er sich in seinem Leben dreimal umpolte. Eine entscheidende Wendung verlieh. Zuerst verwandelte er sich als Goldschmied zum Theologen und Pfarrer. Dann vom Familienvater zum Eremiten. Und schliesslich – vom Gedanken der Ökumene beseelt – vom reformierten, wortzentrierten Glauben zur katholischen Sinnlichkeit der Gottesbilder.

28 Jahre reformierter Pfarrer

Nach seinem Theologie-Studium in Zürich, Basel und Bielefeld war er bekanntlich während 28 Jahren reformierter Pfarrer in verschiedenen Schweizer Kirchgemeinden – unter anderem in Affoltern am Albis. Der Drang in ihm wuchs jedoch stetig, ein kontemplatives Leben zu führen und das Pfarramt mit dem Kunsthandwerk zu verbinden.

Viele Menschen beseelt

Boeschs Sinnsuche hat viele Menschen beseelt. Weil sie im Leben des 1922 in Niederweningen Geborenen eine tiefe Spiritualität spüren. Eine Gottesnähe, die im ikonografischen Werk von Josua Boesch eine Bildsprache annimmt, die Betrachter staunend in eine Mystik eintauchen und zu Schauenden des göttlichen Geheimnisses werden lassen. Der Künstler ist für seine Metallikonen legendär geworden..

Filmemacher Lukas Gasser, selbst ein künstlerisches Multitalent, hat sich von dieser religiösen Person inspirieren lassen und zum 100. Geburtstag von Josua Boesch einen sehr feinsinnigen Dokumentarfilm gedreht. «Ein Mensch der Dämmerung» untertitelte er seinen Film. Er begibt sich dabei auf eine Spurensuche, die die wesentlichen Lebensstationen des Künstlers veranschaulicht.

Schon seit 1999 Filmemacher

Lukas Gasser, genannt «Luke», ist schon seit 1999 als Filmemacher aktiv. Er führt zumeist Regie, tritt als Produzent auf und wirkt als Schauspieler mit. Und er hat bereits reichlich Erfahrung mit religiösen Sujets. Drehte er doch 2013 «The Making of Jesus Christ». Ein Jahr später folgt der Streifen «Kirche, Ketzer, Kurtisanen – Das Konzil von Konstanz». 2017 erschien sein «Von Flüe – Ein Mann in Pilgers Art.»

In Gassers Film über Josua Boesch nimmt besonders dessen Zeit als Eremit einen grossen Raum ein. Der Film dauert knapp eine Stunde und wurde vom Förderverein Josua Boesch produziert.

Der reformierte Pfarrer liess sich im Alter von 53 Jahren von seiner Frau scheiden, verliess seine Familie und das Pfarramt und lebte danach zehn Jahre im katholischen Eremitenkloster Camaldoli in Italien. In seiner Zelle richtete er auch seine Werkstatt ein.

Er lebte in Stille und ökumenischer Verbundenheit. Seine neuartigen Ikonen aus Metall und Texten, die ihm aus der kontemplativen Stille erwachsen, finden Resonanz bei spirituell suchenden Menschen.

In die Toskana gereist

Um diese besondere Atmosphäre im Eremitenkloster Camaldoli aufleben zu lassen, ist Gasser in die Toskana gereist. Er hat dort nicht nur sehr stimmungsvolle Bilder von den klösterlichen Örtlichkeiten mit der Kamera eingefangen. Es ist ihm auch gelungen, Zeitgenossen von Josua Boesch zu interviewen, die dem Betrachter etwas über den Menschen Josua Boesch erzählen.

Da ist zum Beispiel Don Franco, ehemaliger Prior des Klosters. Er bezeugt, dass sich seine Freundschaft zu Josua Boesch über all die Jahre erhalten habe – über das Konfessionelle hinaus.

Da sind Don Alberto, der aktuelle Prior, und Reto Müller, katholischer Pfarrer: Sie berichten, wie Josua Boesch die Eucharistiefeier als Reformierter mitzelebrieren durfte, bis schliesslich der Bischof interveniert habe.

Sanftmütig, aber entschieden

Da ist auch noch Diözesanpriester Don Gigi Verdi, der Boesch als einen sanftmütigen und doch entschiedenen Menschen beschreibt. Nach dem Motto: Mit Feuer im Herzen, ein Prophet in den Augen. Ein Theophiler. Sprich: ein «Gottverliebter».

Auch andere Zeitzeugen wie etwa Boeschs Tochter Verena Frei, Pfarrer Hans Winkler, Boesch-Kenner Simon Peng-Keller und Kunsthistorikerin Veronika Kuhn kommen zu Wort. Dabei gibt Verena Frei, für die ihr Vater zu ihrem 20. Geburtstag einen Ring anfertigte, Einblicke in das familiäre Leben. Wie die Kinder ihren Vater etwa während den Mahlzeiten jeweils «geniessen» konnten.

«Ich habe meine Eltern nie streiten sehen», so Frei. Zwar sei ihre Familie natürlich überrascht gewesen, als sich ihr Vater als Homophiler geoutet habe. Andererseits berichtet sie, wie ihre Mutter ihren Vater «weggestossen» habe, als dieser sie beim Begräbnis des verstorbenen 40-jährigen Sohnes tröstend umarmen wollte. «Meine Mutter hat es nicht mehr geschafft, auf ihn zuzugehen.»

Um Spuren seines kathartischen Fühlens und Denkens zu enthüllen, zitiert «Luke» Gasser als Sprecher des Films auch zahlreiche Tagebucheinträge von Josua Boesch. Gleichzeitig untermalt der 56-jährige Regisseur selbst die Bilder in seinem Film musikalisch.

Entdeckung einer filmischen Langsamkeit

Der Film entwickelt dadurch eine meditative, langsame Gangart, welche die langsame Arbeitsweise des Künstlers Josua Boesch ästhetisch gelungen parallelisiert. Gasser entdeckt eine filmische Langsamkeit, die erholsame optische Wellen kreiert.

Allerdings zeitigt der Film auch gewisse Längen. Und er wirkt manchmal eher wie ein Hörspiel, das mit symbolischen Bildern unterfüttert wird. Vor allem vermisst man persönliche Bilder des Bildermenschen Boesch.

«Der Mensch bleibt letztlich ein Geheimnis»

Erst ganz am Schluss taucht Josua Boesch im Porträt auf – wohl bewusst als letzter Punkt eines ikonografischen Spannungsbogens intendiert. «Der Mensch bleibt letztlich ein Geheimnis», verrät Lukas Gasser am Ende seiner filmischen Spurensuche. Ein Statement, das nicht nur Bescheidenheit gegenüber dem Menschen Boesch ausstrahlt. Es öffnet auch der Fantasie Raum, sich persönlich auf die religiöse Spiritualität jenes «Menschen der Dämmerung» einzulassen. (kath.ch)