«Es gibt keinen Priestermangel, sondern nur einen Weihemangel»

Ein Handtuch für ein Himmelreich: Chur feiert Manfred Belok

 

38 Semester hat Manfred Belok (70) in Chur Pastoraltheologie gelehrt. Nun hat er sich in den Ruhestand verabschiedet. Er prangert Frauenfeindlichkeit und Homophobie in der Kirche an: «Es gibt keinen Priestermangel, sondern nur einen Weihemangel.»

Wolfgang Holz (kath.ch)

Eigentlich ist Chur faszinierend. Wer an einem Sommertag den warmen Wind spürt, der durchs Rheintal weht und die Bäume und Büsche der Kantonshauptstadt sanft bürstet, der atmet sofort auf. Und geniesst den mediterranen Touch einer rätischen Italianità, die einen in Chur umfängt. 

Visionär und selbstkritisch

Chur ist definitiv nicht der «trübsinnigste Ort», der das Leben eines Menschen ruinieren kann, der dort auch nur eine Nacht verbringt, wie der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard in einem Roman einmal postulierte. Er wollte damit bekanntlich jene Art von dunklem, autoritärem Katholizismus anprangern. Trotz ihrer einst so konservativen Bischöfe kann die Stadt menschlich sehr visionär und selbstkritisch sein. Das bewies Manfred Belok am Donnerstagabend in der gut besuchten Aula der Theologischen Hochschule bei seiner Abschiedsvorlesung. 

Die Hochschule dem Himmel näher als die Kathedrale

Unter dem Titel «Glaube und Struktur. Zwei Brennpunkte einer pastoraltheologischen Ellipse» offenbarte er nochmals eindrücklich seine Thesen von einer zeitgemässen, modernen Kirche im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Forderung nach einer «wahren Gleichheit aller Glaubenden», so der gebürtige Niedersachse, werde auch Jahrzehnte später noch von einem hierarchisch organisierten Klerus quasi erstickt und sei deshalb «bei weitem noch nicht vollzogen».

Wobei der deutsche Pastoraltheologe auch örtlich gesehen einen souveränen Standpunkt einnehmen konnte – liegt doch die Theologische Hochschule in Chur dem Himmelreich deutlich näher als die Amtskirche. Nämlich oberhalb des Standorts der Kathedrale in der Altstadt. Eine Symbolik, die angesichts des aktuellen synodalen Prozesses oder der Kritik des reaktionären Churer Priesterkreises am neuen Verhaltenskodex auch eine reformatorische Sprengkraft birgt.

Zeitgemässe Annäherung an Jesus Christus

Manfred Belok ist bekennender Humanist und macht sich für Belange der Gläubigen und dem Volk Gottes stark – und zwar in einer zeitgemässen Annäherung an die Kirche und an Jesus Christus. «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger und Jüngerinnen Christi. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.» Belok, der manchen aus der SRF-«Sternstunde Religion» bekannt ist, zitierte aus der Schrift «Gaudium et spes» des Zweiten Vatikanischen Konzils. 

«Beziehungspastoral» statt Katechismus

Die katholische Kirche müsse dieser Selbstverpflichtung des Konzils weiter treu bleiben. Und die Erkundung der «Zeichen der Zeit» sei die Aufgabe der Pastoraltheologie. «Die Kirche dient dem Herrn im Heute», sagt Manfred Belok. Will heissen: Die Pastoraltheologie ist als Dienst der Kirche für die Menschen zu verstehen. Wie er sich als Pastoraltheologe selbst in seiner Lehre stark machte für einen modernen Glauben, liess er unter anderem an der Idee der «Beziehungspastoral» Revue passieren: Es geht um gelingende Beziehungen, egal ob «Ehe ohne Trauschein» oder Geschiedene, die zivilrechtlich ein zweites Mal heiraten.

Lob für «OutInChurch»

«Die Beziehungsqualität ist wichtiger als die Form. Und Gottes Liebe gilt jedem Menschen – vor aller Leistung», sagt Belok. Und was queere Partnerschaften oder die «Ehe für alle» angeht, stellte er klar: «Wir haben die Heiligkeit einer jeden ernsthaften und verantwortlich gelebten Lebens- und Liebesbeziehung zu achten. Gott tut dies auch!» Der Theologe begrüsste die Initiative «OutInChurch», bei der sich 100 kirchlich angestellte Katholikinnen und Katholiken öffentlich outeten.

Umso mehr kritisierte Manfred Belok Papst Franziskus für dessen halbherzige Stellungnahme gegenüber dem Jesuiten James Martin. In einem Brief schrieb der Papst, homosexuelle Menschen würden nicht «von der Kirche», sondern von «Menschen in der Kirche» abgelehnt. «Ich erwarte, dass die diskriminierenden Aussagen gegenüber homosexuellen Menschen im Weltkatechismus gestrichen werden», sagte Belok.

Von Teresa von Ávila zu Maria 2.0

Auch der «Pastoral aus Beruf» anstelle der «Berufspastoral» des Amtsklerus redete der Limburger das Wort. Will heissen: Nach wie vor sind Laiinnen und Laien weit unterrepräsentiert in der Kirche. Und was das Verbot angeht, dass Frauen nicht Priester werden dürfen, ist für Belok klar: «Wir sind eine von wenigen Männern geleitete Frauenkirche.» Womit er die vielen Ämter und Dienste meint, die Frauen in der katholischen Kirche bereits einnehmen und ohne die die Kirche gar nicht mehr funktionieren würde. «Es gibt nämlich keinen Priestermangel, sondern nur einen Weihemangel.» Dabei verwies er in seinem Vortrag auf die Mystikerin und Heilige Teresa von Ávila, die bereits im 16. Jahrhundert anprangerte, «dass unsere Zeit starke und zu allem Gutem begabte Geister zurückstösst, nur weil es sich um Frauen handelt». 

Kritik am «Zulassungspaternalismus»

Das gleiche Gedankengut lebe laut Belok heutzutage wieder in den Thesen von Maria 2.0 und im Frauen-Kirchenstreik «Gleichberechtigung. Punkt. Amen» zurecht wieder auf: «Nicht der Zugang von Frauen zu den kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern deren Ausschluss.» Glaube und Struktur sind also auch im 21. Jahrhundert, knapp 60 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, laut Professor Manfred Belok von einem Gleichklang weit entfernt. Sie würden allenfalls durch eine Art «Zulassungspaternalismus» (Rainer Bucher) hin und wieder überbrückt. 

Was die katholische Kirche von der Queen lernen kann

«Wie kann es aber sein, dass nach ‘Lumen gentium’ das Volk Gottes zwar das Subjekt der Pastoral ist, nach Kirchenrechtsvorgabe aber allein das kirchliche Lehramt die Definitionsmacht über das Kirchenrecht hat und strukturelle Ungerechtigkeiten festschreiben kann?», fragt sich der Emeritus. Dabei bildeten doch alle Getauften das Volk Gottes: «Und alle Getauften und Gefirmten sind Geistliche – nicht nur Priester.» Im persönlichen Gespräch mit kath.ch lässt Manfred Belok eine Lösung anklingen, die verblüfft. Und die zumindest in der Politik funktioniert hat. 70 Jahre lang. Gemeint ist Queen Elizabeth, die gerade ihr Platin-Jubiläum als Königin von England feiert. 

«Ein Quadratmeter Himmelreich»

«Vielleicht würde eine solche Lösung mit einer Repräsentationsfigur an der Spitze und einer gewählten Regierung, die entscheidet, auch in der Kirche funktionieren.» Sagt’s und lächelt. Gegenüber dem synodalen Prozess, der im Augenblick läuft und 2023 in die Weltsynode mündet, hegt Manfred Belok Hoffnung und Skepsis zugleich: «Bis jetzt ist der synodale Prozess vor allem eine Stilfrage.»

Stilvoll wurde Professor Manfred Belok von Rektor Christian Cebulj mit einer Laudatio verabschiedet. Sein Kollege sei immer als ein Geist der Reform und der Ermutigung aufgetreten. «Er hat aber nie destruktive Kritik an der Kirche geübt», würdigte Cebulj. Als Geschenk überreichte der Churer Hochschulrektor dem scheidenden, privat sehr sportlichen Theologen ein Handtuch: «Ein Quadratmeter Himmelreich.»