Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

«Es sind immer zwei Brücken zu schlagen: Eine in die biblische Zeit und eine andere zu meinen Zeitgenossen.»

Der Schweizer Bibelwissenschaftler Hermann-Josef Venetz ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Dies teilte das Bistum Sitten am Mittwoch mit. In zahlreichen Büchern hat der gebürtige Walliser biblische Texte einem breiten Publikum näher gebracht. Er war mehrere Jahre Radioprediger auf dem Radiosender SRF.

Barbara Ludwig (kath.ch)

Eine Suche im Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek bringt es an den Tag. Rund vier Dutzend Einträge zeigen, dass Hermann-Josef Venetz nicht nur Vorlesungen an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) hielt, sondern immer wieder auch zur Feder oder in die Tasten griff. Die Titel lauten etwa: «Der Evangelist des Alltags. Streifzüge durch das Lukasevangelium» oder «Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden».

Dem Mann, der von 1975 bis zu seiner Emeritierung 2003 als Professor für neutestamentliche Exegese und Theologie in Freiburg wirkte, war es ein grosses Anliegen, die biblischen Texte einem breiten Publikum, auch nicht-akademischen Publikum näher zu bringen.

«Immer zwei Brücken schlagen»

2003 sagte Venetz in einem Interview mit der Katholischen Internationalen Presseagentur Kipa: «Es sind immer zwei Brücken zu schlagen: Eine in die biblische Zeit, zum Beispiel zu Paulus, und eine andere zu meinen Zeitgenossen. Ein Brückenschlag ist nur möglich, wenn ich mich für das Gegenüber interessiere. So muss ich zuerst die Überzeugung haben, dass uns Paulus tatsächlich etwas zu sagen hat, auch wenn wir seine Sprache kaum mehr verstehen. Und dann muss ich mich für die Leute interessieren, denen ich gerne weitersagen würde, was Paulus sagt.»

1996 erhielt Venetz für seine Publikationstätigkeit den «Preis des religiösen Buches» der Vereinigung des katholischen Buchhandels in der Schweiz.

Meister des gesprochenen Wortes

Kurz vor der Verleihung des Buchpreises, erklärte er gegenüber Kipa, seine Bücher enthielten «fast mehr gesprochenes denn geschriebenes Wort». Kein Wunder, dass seine Sprache auch im Radio ankam: Venetz war langjährige Prediger beim Schweizer Radio.

Geboren wurde Hermann-Josef Venetz am 28. April 1938 in Brig. Während zehn Jahren stand er dem Schweizerischen Katholischen Bibelwerk als Präsident vor.

 

Von der Kraft freimütiger Rede – zum Tod des Freiburger Theologen Hermann-Josef Venetz

Mit Hermann-Josef Venetz (1938-2021) verliert die katholische Kirche in der Schweiz einen für die Zeichen der Zeit aufmerksamen Theologen, der uns immer wieder sowohl in der Theologischen Fakultät Freiburg als auch in Gesellschaft und Kirche die Kraft freimütiger Rede spüren liess, sagt der Dekan der Theologischen Fakultät Freiburg, Mariano Delgado.

«Mit Hermann-Josef Venetz ist ein bedeutender, geradliniger Walliser Theologe gestorben»

Der Freiburger Neutestamentler Hermann-Josef Venetz ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Odilo Noti (67) war mit ihm befreundet: «Venetz war ein weltoffener Walliser, der sich mit den kirchlichen und gesellschaftlichen Anliegen der Befreiungstheologie solidarisiert hat.»

Daniel Kosch: Warum Hermann-Josef Venetz ein Schweizer Befreiungstheologe ist

Die Liebe zum Neuen Testament verbindet RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch mit seinem Doktorvater Hermann-Josef Venetz. Laut Bibel trafen sich die ersten Gemeinden in Privathäusern und stritten, tranken und assen zusammen. Die Vielfalt von früher kann für die Kirche von heute ein Vorbild sein.

Hermann-Josef Vernetz war dem Leben auf der Spur

«Auferstehung hat einen Namen» und «Randfiguren in der Mitte», so hiessen die Festschriften zu seinem 60. beziehungsweise 65. Geburtstag. In beiden Titeln scheint auf, was die exegetische Arbeit des Theologen Hermann-Josef Venetz kennzeichnete. Sabine Bieberstein, Professorin für Neues Testament und Biblische Didaktik.