«Für mich bedeutet gelebte Armut nicht, materiell arm zu sein – sondern möglichst viel zu teilen mit anderen.»

Nadia Rudolf von Rohr (47) steht an der Spitze der Franziskanischen Laienbewegung. Früher verdiente sie 9000 Franken. Heute hat sie andere Prioritäten: «Ich möchte möglichst viel mit anderen teilen.» Sie schliesst nicht aus, eines Tages Pfarrerin werden zu können.

Wolfgang Holz (kath.ch)

Im Herzen war Nadia Rudolf von Rohr eigentlich schon immer Franziskanerin. Denn ihre Vita gleicht ein Stück weit jener des italienischen Heiligen. Hat doch Franz von Assisi um 1200 seine Karriere als erfolgreicher Kaufmann und Modeexperte an den Nagel gehängt, um in Freiheit leben zu können. Um seinen Alltag mit den Ärmsten zu teilen – im Sinne geschwisterlicher Gleichheit.

Hat gut in ihrem Job verdient

Die 47-Jährige hat jahrelang gut in ihrem Job verdient. Sie weiss, was Wohlstand bedeutet. Ihre Zeit bei «Mediamarkt» in Dietikon liest sich fast wie eine Tellerwäscherkarriere. Schon als Germanistik-Studentin arbeitete sie an der Kasse. Dann stieg sie auf und erhielt am Ende 9000 Franken brutto als stellvertretende Geschäftsführerin und war mitverantwortlich für rund 100 Mitarbeitende. Ihr Job machte ihr Spass. Sie war erfolgreich.

«Irgendwann merkte ich, dass nur die Funktion meiner Tätigkeit zählt und nicht der Mensch.»

Doch Geld macht nicht glücklich: «Irgendwann merkte ich während meinen 72-Stunden-Arbeitswochen, dass eigentlich nur die Funktion meiner Tätigkeit zählt und nicht der Mensch.» Eine sozialkritische Erkenntnis der Tochter eines Maschinenmechanikers und einer Primarschullehrerin. Sie erinnerte sich an einen Wunsch als Jugendliche, einen kirchlich-karitativen Job zu suchen. «In meiner Jugend hatte ich ministriert, mich in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert, war auch Kantorin und Lektorin», erzählt Nadia Rudolf von Rohr. Ihr Wunsch, Theologie zu studieren, war damals der Vernunft gewichen, einem Brotjob nachzugehen.

Inspiriert von Franziskus und Klara

2007 übernahm Nadia Rudolf von Rohr die Geschäftsstelle der Franziskanischen Laienbewegung (FG) der Deutschschweiz: «Ich fühlte ich mich wirklich heimgekommen.» Der Laienbewegung gehören in der Deutschschweiz rund 350 Personen an – und den drei franziskanischen Brüderorden rund 250. Die Franziskanische Gemeinschaft ist ein weltweiter Zusammenschluss von Menschen verschiedenster Lebensweisen, die sich in ihrem Alltag von Franziskus und Klara von Assisi inspirieren lassen.

Franziskanische Idee im Alltag umsetzen

«Die Laienbewegung besteht aus lokalen Gemeinschaften, die sich einmal im Monat treffen, um sich Leben und Glauben zu teilen», erzählt die FG-Co-Vorsteherin. Es gibt jeweils einen Gottesdienst und Gespräche. «Es geht darum, etwa Einfachheit, Geschwisterlichkeit und gegenseitige Verbundenheit zu erleben und auszutauschen», sagt Nadia Rudolf von Rohr. Es sei sehr individuell, wie Leute die franziskanische Idee im Alltag umsetzen würden: «Die eine hat ein Café für Bedürftige auf die Beine gestellt und kümmert sich um ukrainische Flüchtlinge, der andere besucht alte Mitglieder der FG im Altersheim».

«Heilige gehören nicht dem Mainstream an.»

Ein traditioneller Treffpunkt ist das legendäre «Mattli» in Morschach. Das Antoniushaus wird getragen von der Franziskanischen Gemeinschaft der deutschen Schweiz. «Das Zusammengehen von heutigen Wünschen an ein modernes Seminarhotel und von franziskanischen Werten ist uns ein Herzensanliegen», sagt Nadia Rudolf von Rohr, die inzwischen selbst in Morschach wohnt.

In der Bildungsarbeit tätig

Sie gestaltet insbesondere die franziskanische Bildungsarbeit. Sie begleitet dabei verschiedene Projekte. Unter anderem ist sie Mitglied des fünfköpfigen «Tauteams». Das «Tauteam» ist eine Arbeitsgruppe des Dachverbandes aller franziskanischen Gemeinschaften der Deutschschweiz. Als Gäste verschiedener franziskanischer Gemeinschaften leben und arbeiten sie monatlich einige Tage zusammen, erfahren die Vielfalt der franziskanischen Familie im eigenen Kreis und fördern deren Vernetzung. Ebenso gehört es zur Aufgabe des Tauteams, Assisi-Erfahrungen, Exerzitien, spezifische Reisen, Kurse und Treffs zu gestalten.

Im Team kooperiert Nadia Rudolf von Rohr auch mit Kapuzinerbruder Niklaus Kuster. Mit dem geistlichen Vielschreiber hat sie jüngst das Buch «Innere Tiefe – grenzenlose Weite» herausgegeben, in dem sie über Inspirationen der franziskanischen Spiritualität schreibt. Das illustriert das Buch an den Beispielen von «Leitgestalten» wie Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Maximilian Kolbe und anderen Heiligen. «Heilige gehören nicht dem Mainstream an», sagt die Co-Buchautorin. Im zweiten Teil des Buches geht es um 20 Meilensteine der franziskanischen Bewegung in unserer Zeit – von der «Mattli»-Tagung der Franziskanischen Familie 1982 bis zum UNO-Welttag der Geschwisterlichkeit 2022.

«Ich habe das Leben und die Menschen gern.»

«Für mich als Angehörige des Schweizer Mittelstandes bedeutet gelebte Armut nicht, materiell arm zu sein – sondern möglichst viel zu teilen mit anderen», sagt sie. Zeit teilen beispielsweise. Energie spenden. Sie sei so viel wie möglich für ihre Familie, Patenkinder und Freunde da. Sie habe sich in Zeiten von Corona intensiv um ihre kranke Grossmutter gekümmert. Vielleicht liegt ihre soziale Ader auch in der Historie ihres noblen Geschlechts begründet. «Der Familienlegende nach wurde der solothurnische Stallknecht Rudolf aus Rohr geadelt, weil er ein Königskind in Not gerettet hat», erzählt die ehemalige Kestenholzerin und lächelt.

Was brauche ich? Wie viel brauche ich?

Die 47-Jährige, die in Oberrohrdorf bei Baden aufgewachsen ist, stellt bei Bedarf ihren Freundinnen und Bekannten in den Ferien auch ihre Drei-Zimmer-Wohnung zur Verfügung. «Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist: Was brauche ich? Wie viel brauche ich?» Im Augenblick des Interviews ist es eine Flasche Wasser auf der Terrasse des KKL in Luzern. Zig Touristen flanieren an diesem heissen Sommernachmittag am Seeufer entlang. Schaufelraddampfer auf dem Vierwaldstättersee machen Station und befördern ihre Passagiere wieder an Land. Der imposante Springbrunnen im Hintergrund sprüht seine Fontänen in die Luft. Alles andere als eine Armutsszenerie.  

«Ich habe das Leben und die Menschen gern. Wir müssen aber alle wieder in unseren Ansprüchen zurückschrauben», fordert die katholische Frontfrau. Die Wirtschaft müsse aufhören, die Menschen auszubeuten. Der Arbeitsprozess müsse den Menschen Würde ermöglichen. «Es kann nicht sein, nur ständig das Maximum einzufordern», sagt sie. Irgendwie hören sich ihre Überzeugungen an wie Marxismus plus Metaphysik: Marx inklusive Gott.

Weniger Essen wegwerfen

Nadia Rudolf von Rohr präzisiert: «Es geht um leben und leben lassen, damit sich alle Menschen ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten entsprechend entfalten können.» Aber nicht nur jeder und jede Einzelne sollen sich weiter entwickeln können, auch die Gesellschaft als Ganzes – als Gemeinschaft eben. Gerade in Sachen Umwelt müsse sich einiges tun.

«Ich lebe in der Schweiz auf Kosten von anderen.»

Beispielsweise weniger Essen wegwerfen. Regional-saisonal anbauen und ernten. Aufs Auto verzichten. Weniger Plastik verwenden. «Es muss nicht jeder von heute auf morgen vegetarisch leben, das löst die Ressourcenfrage nicht nachhaltig, sondern wir müssen unser Konsumverhalten ändern. Vor allem müssen wir Mass halten am Anderen.» Also für dich und mich. Gleichzeitig ist ihr bewusst: «Ich lebe in der Schweiz auf Kosten von anderen.» Die Morschacherin sorgt sich aber nicht nur im Sinne von Franziskus um die Zukunft der Welt. Sondern auch um die der katholischen Kirche. Als Co-Moderatorin bei der Nationalen Synode in Einsiedeln Ende Mai an vorderster Front, ist sie überzeugt, «dass der synodale Prozess etwas bringt. Das Bewusstsein für das Miteinander wird wachsen und die Wahrnehmung der gegenseitigen Verbundenheit ändert sich.»

«Papst Franziskus hilft uns mit seinen Enzykliken, den franziskanischen Grundgedanken noch populärer zu machen.»

Die Laien-Franziskanerin wünscht sich eine «Kirche, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, und in der sich die Hierarchien vereinfachen.» Der Weg in Richtung einer Kirche der Basis, räumt sie ein, sei allerdings anstrengend und mühsam. Doch es lohne sich und es sei nötig, diesen Weg zu beschreiten. Das Evangelium zu leben: «Papst Franziskus als Jesuit hilft uns dabei mit seinen Enzykliken den franziskanischen Grundgedanken noch populärer zu machen.» Sie will sich vor allem dafür einsetzen, dass fähige Menschen unterschiedlicher Lebensweise und Geschlechts Ämter besetzen können, auch solche, die bisher geweihten, zölibatär lebenden Männern vorbehalten sind. «In 15 Jahren wird es vielleicht so weit sein», schätzt sie. So Pi mal Daumen.

«Die Kirche als Frau mitgestalten»

Sollte dieses bahnbrechende Ereignis in der katholischen Kirche früher eintreten, reicht es ihr dann vielleicht noch selbst, Priesterin zu werden. «Das will ich nicht ausschliessen.» Die Voraussetzungen dafür erwirbt sie sich gerade – studiert sie doch an der Universität Luzern im Fernstudium Theologie. «Ich möchte die Kirche als Frau mitgestalten – Frauen sind zwar grundsätzlich nicht weniger schlimme Chefs, bringen aber einen doch eigenen Genius ein.»