Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Ist Roger Federer ein Tennis-Gott, Abt Urban Federer?

Wie bewegt Sie persönlich der Rücktritt von Roger Federer?

Abt Urban Federer*: Er bewegt mich wie wohl uns alle. Ich bin aber auch froh um die Klarheit, die dieser Entscheid gebracht hat. Da war immer die Hoffnung, ihn bald wieder spielen zu sehen, und dann eine gewisse Enttäuschung, dass er doch nicht spielen konnte. Diese Unsicherheit entfällt nun. Allerdings muss ich mich zuerst daran gewöhnen, dass nun Tennis ohne Federer gespielt wird.

Über wie viele Ecken sind Sie mit Roger Federer verwandt?

Federer: Alle Federers kommen aus dem gleichen Dorf im Rheintal: Berneck. Wir haben gemeinsame Vorfahren, doch geht diese Verbindung ein paar Jahrhunderte zurück. Was mich in der Gegenwart dauernd mit ihm in Verbindung bringt, ist der gemeinsam Name. Ich werde oft auf meinen Namensvetter angesprochen.

Roger Federer hat seine Kinder in Einsiedeln taufen lassen. Können Sie sich daran erinnern?

Federer: Wie könnte ich vergessen, dass die ganze Familie Federer bei uns auftauchte (lacht)! Da er nach der ersten Taufe sogar in unser Abendgebet kam, konnte ihn die ganze Gemeinschaft sehen. Die Taufen selbst fanden ganz im privaten Rahmen statt. Darum möchte ich hier auch nicht mehr dazu sagen.

Haben Sie Roger Federer schon persönlich kennen gelernt?

Federer: Abgesehen von den Begegnungen damals habe ich ihn nie mehr getroffen. Ich versuche bewusst nicht Leute auszusuchen, die in der Öffentlichkeit stehen und schon von anderen Menschen belagert werden. Früher machte Roger Federer viel Sport in der Umgebung von Einsiedeln. Da konnte es Besucherinnen und Besucher passieren, dass er plötzlich vor ihnen stand.

Interessiert Sie Tennis überhaupt und haben Sie seine Matches verfolgt?

Federer: Als Kind war ich selbst im Tennis-Club. Das Interesse wurde dann aber grösser, als er immer besser wurde. Ich habe viele Matches mit ihm verfolgt. 2019 war ich zu den Swiss Indoors in Basel eingeladen. Ich sagte damals, ich würde mir nur die Zeit dafür nehmen, wenn Federer ins Finale kommt. Er spielte dann in den Finals und ich konnte ihn das letzte Mal live spielen sehen.

Der US-Schriftsteller David Foster Wallace hat geschrieben, Roger Federers Art Tennis zu spielen sei eine «religiöse Erfahrung». Weil Federer sich so leichtfüssig und so unglaublich talentiert auf dem Platz bewegt hat. Können Sie mit dieser Charakterisierung etwas anfangen?

Federer: Religion hat mit Grenzerfahrungen zu tun: Ich erfahre etwas Transzendentes, etwas, was mich übersteigt. Ich erfahre Gott. Nicht nur im Gebet, sondern auch über Musik und Sport werde ich an diese Grenzen geführt. Roger Federers Stil hat tatsächlich die Sportwelt geprägt. So konnte sein Spiel für ihn und für andere sicher zu einer Erfahrung werden, dass es in unserem Leben etwas gibt, was uns Menschen übersteigt.

Manche meinten, Roger Federer sei ein Tennis-Gott gewesen. Darf man solche religiösen Begriffe auf Sportler anwenden?

Federer: Wenn jemand so gut ist wie Roger Federer, suchen wir beim Sprechen nach Superlativen. Auch wenn ich ihn nicht so nennen würde, gefällt mir, dass «Gott» für das Grösste im Leben steht.

Wird dem Sport und ihren Stars in unserer Gesellschaft zu viel gehuldigt?

Federer: Menschen brauchen gute Vorbilder. Und wenn ein Sportler so gut wie Roger Federer ist, dann geschieht das mit Recht. Ich bewundere ihn übrigens auch für seine mentale Stärke, nicht nur für seine körperliche. Die Regel des Heiligen Benedikt von Nursia gibt uns Mönchen und Nonnen das rechte Mass in allem mit. Dieses richtige Mass braucht es auch im Umgang mit berühmten Menschen. (kath.ch)

* Der Benediktiner Urban Federer (54) ist Abt von Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Das Interview wurde schriftlich geführt.