Josef Sayer über die Befreiungstheologie: Nicht Ratzinger war das Problem, sondern das Opus Dei und die USA

Joseph Ratzinger war drei Jahre Professor in Tübingen, wo Sie studiert haben. Wie haben Sie ihn als Professor erlebt?

Josef Sayer*: Ich habe bei Ratzinger in Tübingen studiert und bei ihm 1968 Examen gemacht. Für uns Studierende war Ratzinger ein sehr gefragter Professor. Seine Vorlesungen fanden wir ausgezeichnet. Sie waren bestens vorbereitet. Und was uns in Tübingen wichtig war: Er hatte auch gute Verbindungen zur protestantischen Fakultät, bei der wir vor allem Exegese-Vorlesungen hörten – ganz selbstverständlich.

Freundinnen und Freunde der Befreiungstheologie sehen Joseph Ratzinger sehr kritisch, weil er Theologen wie Leonardo Boff oder Jon Sobrino das Leben schwer gemacht hat.

Sayer: Wir müssen differenzieren! Vor 1968 gab es die Theologie der Befreiung noch gar nicht. Damals stand das Konzil im Vordergrund. Wir schätzten an Ratzinger, dass er der Konzilsberater von Kardinal Frings war, der während des Konzils klare Positionen gerade gegenüber den sturen Festlegungen der Glaubenskongregation bezogen hat.

Besteht hier nicht ein Widerspruch zu Ratzingers späteren Positionen als Präfekt der Glaubenskongregation und seiner Rolle gegenüber der Befreiungstheologie?

Sayer: Sie spielen wohl vor allem auf seine erste Instruktion zur Befreiungstheologie an. Es gab aber danach eine zweite. Und aus persönlichen Kenntnissen habe ich eine differenziertere Sicht gewonnen. Zum einen war anfangs der 1980er-Jahre auch die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz um Karl Lehmann in dieser Frage ambivalent. Zum anderen gilt es festzustellen, dass es nicht die Theologie der Befreiung gibt. Unter diesem Titel finden sich verschiedene Strömungen. Und ein gängiges Diktum sagt: «Was aus Rom kommt, wurde vorher nach Rom gebracht.»

Was meinen Sie damit?

Sayer: Ich bin mit Gustavo Gutiérrez seit Langem befreundet. Es war offenkundig, dass seine Gegner von Lateinamerika aus in Rom gegen ihn intensiv intervenierten.

Sie sehen die Hauptgegner der Befreiungstheologie in Lateinamerika – und nicht in Rom?

Sayer: Genau darum geht es. Es gab ja auch Lateinamerikaner in der römischen Kurie, die gegen die Befreiungstheologie agierten. Die Befreiungstheologie kritisiert die ökonomischen und politischen Mächtigen. Auch Kreise um den damaligen US-Präsidenten intervenierten und sagten, man müsse die Befreiungstheologie nicht nur beobachten, sondern bekämpfen. Unter Ronald Reagan entstand das Geheimdokument «Santa Fé», das gefordert hat, die Befreiungstheologie zu bekämpfen, weil diese den Interessen der USA angeblich schadete. Diesen Kreisen war die Theologie der Befreiung also ein Dorn im Auge. Sie passte absolut nicht in deren Konzept. Und diese Kreise intervenierten in Rom, weil sie keine sozialpolitischen Veränderungen ihrer privilegierten Stellungen und ihres Systems akzeptieren wollten.

Referieren Sie hier nicht das Standard-Narrativ der Befreiungstheologie?

Sayer: Keineswegs, ich kann das aus eigener persönlicher Erfahrung belegen. Gustavo Gutiérrez und der damalige Vizepräsident der peruanischen Bischofskonferenz wussten, dass ich 1984 einen sogenannten Heimaturlaub in Deutschland hatte. Sie baten mich, über Rom nach Deutschland zu reisen und Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, persönlich einen Brief zu übergeben.

Worum ging es in diesem Brief?

Sayer: Ratzinger sollte einen authentischen Eindruck erhalten, worum es der Befreiungstheologie ging. Er sollte nicht nur Post von Denunzianten und Verunglimpfern erhalten.

Haben Sie den Brief Ratzinger übergeben?

Sayer: Ja! Ich habe Ratzinger sehr aufgeschlossen und interessiert erlebt und keineswegs als den sturen Hardliner. Und er ist dann auch nach Peru gereist. Wie viele Professoren oder Bischöfe aus Europa haben das getan, um sich ein eigenes Bild zu machen? Später hat auch Oscar Rodríguez vom Lateinamerikanischer Bischofsrat Celam aus interveniert und mit Ratzinger im deutschen Valendar ein mehrtägiges Kolloquium zur Befreiungstheologie veranstaltet. Daran nahmen neben den Repräsentanten des Celam eine Handvoll Vertreter der Befreiungstheologie sowie zwei weitere Personen von der Glaubenskongregation teil. Gustavo Gutiérrez hielt dabei das Hauptreferat. Gustavo bestätigte mir gegenüber, wie verständnisvoll und offen Ratzinger reagiert hatte. Keine Rede von einem hartgesottenen Gegner der Befreiungstheologie, wie er zuweilen dargestellt wird. Hartgesotten hingegen war der Opus-Dei-Erzbischof von Lima und seine Parteigänger, die in Rom immer wieder gegen Gutiérrez und die Befreiungstheologie intervenierten und Probleme schafften.

Bei wem genau?

Sayer: Sie müssen sehen, dass es damals in Lateinamerika auch Theologen gab, die durchaus die Gewaltanwendung befürworteten, um zu Veränderungen zu gelangen. Aber herausragende Persönlichkeiten wie Gustavo Gutiérrez waren damit nicht einverstanden. Er verwendete in seinem Hauptwerk «Theologie der Befreiung» auch die damals gängigen Kategorien der marxistischen Analyse, was seine Gegner dann bei Johannes Paul II., der aus dem Ostblock kam, als Argument geschickt instrumentalisierten und Gustavo als Marxisten brandmarkten. Gutiérrez konterte, wer Sigmund Freuds Theorie benutze, müsse ja auch deshalb kein Atheist sein, nur weil Freud ein Atheist war.

Sie sprechen von Gegnern der Befreiungstheologie und von Johannes Paul II. Wie aber verhielt sich Ratzinger?

Sayer: Der persönliche Sekretär Ratzingers sagte mir, dass sich dieser als Präfekt für Gustavo Gutiérrez eingesetzt und den Prozess gegen ihn beendet habe. Aus persönlicher Erfahrung kann ich auch sagen, dass Ratzinger bei seinem Besuch 1986 in Peru äusserst interessiert war, über die sozialen und kirchlichen Verhältnisse Näheres zu hören. Bei der Rückfahrt von Machu Picchu, wohin er mit anderen Bischöfen Perus eingeladen worden war, konnte ich ihm etwa eine Stunde lang schildern, wie es den Campesinas und Campesinos meiner Gemeinden in den Anden ergeht. Das war alles noch von den Nachwirkungen der Kolonialherrschaft geprägt! Ich sagte ihm auch, welche Muster einer Kolonialkirche immer noch virulent sind.

Wie hat Ratzinger darauf reagiert?

Sayer: Ratzinger hat sehr intensiv nachgefragt und war sichtlich erschüttert, welch anti-evangelischen Muster in der Kirche herrschten, gegen die sich ja die von der Befreiungstheologie angestrebten Reformen wandten. Reformen, die die Konferenzen von Medellín und Puebla vorangetrieben haben und in der «Option für die Armen» gipfelten. Diese Option ist ja das zentrale Markenzeichen der Theologie der Befreiung und war die Schlüsselkategorie in vielen Debatten. Die Gegner dieser Theologie wollten gerade diese Option, die markant gegen das herrschende politisch-ökonomische System steht, mit Hilfe Roms zu Fall bringen.

Was heisst das für das Verhältnis Ratzingers zur Befreiungstheologie?

Sayer: Wir dürfen nie ausser Acht lassen: Bei der Auseinandersetzung und Klärung des Streits mit Rom spielte Ratzinger die entscheidende Rolle. 2007 war er ja bereits Papst. Als Papst Benedikt eröffnete er die V. Generalkonferenz des Celam in Aparecida 2007 mit einer alles entscheidenden Eröffnungsansprache. Die Gegner wollten die Option für die Armen hier endgültig zu Fall bringen. Benedikt jedoch, der allseits anerkannte Theologe und nun Papst, entschied ein für alle Mal die Debatte, indem er gleich zu Beginn der Konferenz ausführte: Die «Option für die Armen» ist in der Christologie selbst grundgelegt.

Wie kam das an?

Sayer: Dieser Satz schlug ein wie ein Blitz! Damit war der jahrelange ideologische Streit beendet und die Gegner der Befreiungstheologie mussten das Feld räumen. Manche von ihnen verliessen sogar vorzeitig die Konferenz, weil sie das Schlussdokument nicht akzeptieren wollten.

Steckt in Benedikt XVI. mehr Franziskus, als wir denken?

Sayer: Das Schlussdokument von Aparecida wurde federführend von Kardinal Jorge Bergoglio redigiert. Er war von der Konferenz zum Präsidenten der Redaktionskommission gewählt worden. Selbstverständlich beinhaltet das Dokument die Option für die Armen und bezieht sich dabei auf die Eröffnungsrede Benedikts. Zudem waren Mitglieder der Redaktionskommission einflussreiche Kardinäle wie Oscar Rodríguez und Carlos Aguiar, dem ehemaligen Celam-Präsidenten. Benedikt war es dann, der auch dem Abschlussdokument von Aparecida sein «Placet» gab, das heisst er hat die Besonderheiten der Kirche Lateinamerikas akzeptiert und keineswegs die Positionen der Gegner gestützt. Vorschnelle Kritiker in Europa sollten solche Zusammenhänge zur Kenntnis nehmen und nicht rasch gewisse Vorurteile nachplappern.

Josef Sayer (81) wurde 1980 Entwicklungshelfer – zuerst in den peruanischen Anden, nach der Priesterweihe 1982 wurde er Pfarrer in einer Slum-Pfarrei in Lima. 1988 folgte ein Ruf auf die Professur für Pastoraltheologie in Freiburg i.Ü. 1997 wurde er Hauptgeschäftsführer von Misereor, der deutschen Fastenaktion.