Kapuziner Niklaus Kuster: «Finde es kontraproduktiv, die Gebeine von Franziskus zu zeigen»

Die Ausstellung der Reliquien des Heiligen Franziskus ist ein Riesenereignis. Täglich werden 15’000 Besucher erwartet, insgesamt rund 400’000; 200 Medienschaffende sind akkreditiert, um darüber zu berichten; 400 freiwillige Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Was löst das alles bei Ihnen aus?

Niklaus Kuster*: (lacht) Gemischte Gefühle, sehr gemischt. Ich habe vier Jahre in Rom gelebt und studiert. Von daher respektiere ich Formen der Frömmigkeit, die mir fremd sind. Aber es hat mich schon in Rom irritiert, dass man den Körper von Papst Johannes XXIII. aus dem Grab geholt und hergerichtet hat, um ihn, gekleidet in seine päpstlichen Gewänder, in einem gläsernen Schrein im Petersdom zu zeigen. Mich irritiert dieser Umgang mit den sterblichen Überresten eines Menschen. Ich finde das respektlos.

Die Franziskaner, die Franziskus’ Gebeine zur Schau stellen, haben die Verehrung im Blick. Sie möchten den Menschen die Gelegenheit geben, den Heiligen zu verehren, sich von ihm berühren zu lassen. Nur hat die Franziskuskirche als Grabeskirche seit Jahrhunderten eine völlig andere Botschaft zu vermitteln versucht. Und diese Botschaft liegt nicht in den Gebeinen des Heiligen. Ich empfinde diese Ausstellung daher als sehr zwiespältig. Wird damit das Interesse nicht allzu stark auf die Vergänglichkeit gerichtet?

Welche Botschaft will denn die Basilika San Francesco vermitteln?

Kuster: Die Botschaft der Franziskuskirche ist Leben: Das Leben des Franziskus, seine Prophetie, seine Visionen. Er war ein visionärer Mensch, der über seine Zeit hinaus spricht. Seine Gebeine zur Schau zu stellen, entspricht einer Gegenaktion zu dieser Botschaft.

Trotzdem: Anlass der Ausstellung ist das 800. Todesjahr des Heiligen. Ist es da nicht berechtigt, den Gläubigen die Möglichkeit zur Reliquienverehrung zu geben?

Kuster: Es gibt Frömmigkeitsformen, die ich nicht verstehe – und über diese möchte ich nicht urteilen. Es gibt Menschen, die berührt und ergriffen werden durch die sichtbare, materielle Nähe zu dem, was von einem Menschen übrigbleibt. Andere werden gaffen und Selfies zu knipsen versuchen. Ich persönlich habe keinen Zugang zur Reliquienverehrung. Aber um noch einmal auf die Franziskuskirche zurückzukommen: Die macht etwas völlig anderes.

Nämlich?

Kuster: In der Unterkirche spiegelt sie das Leben des Heiligen im Leben, in der Passion und der Auferstehung Jesu. Und in der Oberkirche bringen Giottos Fresken das Leben von Franziskus in Verbindung mit der ganzen Heilsgeschichte – von der Schöpfung, über die Geschichte Israels und das Leben Jesu bis Pfingsten. Da wird das Leben eines Menschen in Beziehung gesetzt zu Gottes Geschichte mit der Welt.

Das ist die Einladung der Grabeskirche: Das Leben des Franziskus zu lesen. Und deshalb finde ich es so kontraproduktiv, seine Gebeine zu zeigen. In den kommenden Wochen gibt es keine Führungen in der Basilika San Francesco, mindestens nicht in der Unterkirche, wo sich Massen von Pilgernden zu den Reliquien drängen. Das heisst: Die Botschaft der Kirche «Lest das Leben von Franziskus» wird in dieser Zeit ausgesetzt. Die Menschen, die die Basilika San Francesco geschaffen und ausgemalt haben, würden Kopf stehen, sähen sie, was heute passiert.

Auch wenn Sie es nicht nachvollziehen können: Seit letztem Sonntag sind Tausende gekommen, um die Überreste des italienischen Nationalheiligen zu betrachten. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Kuster: Das Ganze hat eine Vorgeschichte. Der Franziskanerorden baute eine Wallfahrtskirche, damit Menschen dort beten können, wo Franziskus begraben ist. Im Jahr 1230 übertrugen die Brüder seine Gebeine in die Unterkirche und bestatteten sie heimlich. Seither haben Abertausende Menschen in dieser Kirche gebetet, in der Nähe eines unsichtbaren Grabes.

Im 19. Jahrhundert wurde das Bedürfnis der Menschen immer stärker, das Grab auch zu sehen. Man höhlte deshalb eine Krypta aus, machte das Grab zugänglich: Pilgernde können seither um das Grab herumgehen und die Felsen berühren, die den Leib des Heiligen bergen. Sie können den Steinsarg sehen. Das war ein grosses Zugeständnis an ein neues Bedürfnis. Heute geht man noch einen Schritt weiter. Jahrhundertelang hat es gereicht zu wissen: an diesem Ort ist der Heilige begraben. Seit 1820 will man das Grab sehen, und jetzt will man auch noch die Gebeine sehen.

Woher rührt dieses Bedürfnis?

Kuster: Wir sind als Gesellschaft immer visueller unterwegs. Das Sehen ist unterdessen der wichtigste Sinn geworden. Doch noch einmal: Warum ist Franziskus heute aktuell? Nicht, weil er an unsere Vergänglichkeit erinnert. Franziskus ist für die Weltreligionen ein Prophet des Dialogs. Sie versammeln sich seit 1986 in Assisi zu gemeinsamen Friedensgebeten. Nicht, weil Franz da begraben ist, sondern weil in dieser Stadt der Geist des Franziskus spürbar ist.

Der WWF hat 1986 sein silbernes Jubiläum in der Franziskuskirche gefeiert, weil Franziskus ein Vorbild ist im Umgang mit der Natur, ein Prophet der Ökologie. Papst Franziskus hat ihm seine Umwelt-Enzyklika «Laudato si» gewidmet. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, die den Sonnengang von Franziskus darstellen, sagen: «Es ist diese Liebe zur Mitwelt, die uns heute ermutigt und inspiriert.» Deshalb ist die Ausstellung der sterblichen Überreste für mich so zwiespältig. Was Franz uns heute sagt, ist eine aktuelle Botschaft. Und ich weiss nicht, wer diese Botschaft beim Betrachten seiner Gebeine vernimmt.

Der Run auf die Reliquien könnte auch mit der besonderen Beliebtheit des heiligen Franziskus in Italien zu tun haben.

Kuster: Wir feiern seit 2021 jedes Jahr ein neues Franziskus-Jubiläum. Zunächst 800 Jahre Franziskus-Regel, dann den Beginn der Deutschland-Mission, die Weihnachtskultur, Franziskus als Mystiker auf La Verna, im letzten Jahr den Sonnengesang. Seit 2021 finden jährlich unzählige Anlässe zu Franziskus statt. Für mich war die Ankündigung der Franziskaner, die Gebeine auszustellen, deshalb überraschend.

Womöglich gibt es einen Zusammenhang mit dem Publikumsmagneten Carlo Acutis*. In Assisi wird ja auch der Leib dieses Jugendlichen zur Schau gestellt. Tausende pilgern in die Kirche Santa Maria Maggiore, wo man den jungen Heiligen in einem gläsernen Sarg betrachten kann. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass die Franziskaner aktuell einen Gegenakzent setzen möchten zu diesem neuen Hotspot in Assisi.

Sehen Sie denn einen Unterschied?

Kuster: In der Basilika San Francesco werden nackte Gebeine ausgestellt. Das ist authentisch und echt. Bei Carlo Acutis hat man den halb verwesten Körper ausgeweidet, das Konservierbare in eine Silikonhülle gesteckt und mit originalen Jeans bekleidet. Der Internet-Heilige liegt in einem Schrein, als ob sein Leib auf wundersame Art und Weise erhalten geblieben wäre. Das finde ich wesentlich problematischer. Das ist Fake. Seine Überreste könnte man nicht zur Schau stellen, weil es sich um einen halb verwesten Körper handelt.

Die Gebeine von Franziskus werden bis zum 22. März ausgestellt. Haben Sie Gelegenheit, die Ausstellung – trotz Ihrer Skepsis – zu besuchen?

Kuster: Ich werde in drei Wochen anlässlich einer Studienwoche nach Assisi reisen. Ob ich mir dann doch einen persönlichen Eindruck von der Ausstellung machen will, habe ich noch nicht entschieden.

*Der Leichnam von Carlos Acutis (1991-2006) wurde 2019 exhumiert und liegt seit 2020 in dem Glasschrein.

**Der Kapuziner Niklaus Kuster (63) lebt in Rapperswil SG. Er hat Geschichte in Freiburg (Schweiz) sowie Theologie in Luzern und Freiburg (Schweiz) studiert. Von 1992 bis 1996 hat er in Rom ein Spezialstudium in Spiritualität absolviert und zu diesem Thema doktoriert. Kuster ist Verfasser einer Doppelbiografie über Franz und Klara von Assisi.