Aktuelle Nummer 25 | 2025
30. November 2025 bis 13. Dezember 2025

Pater Lohre: «Meinen Glauben an Jesus konnten die Dschihadisten mir nicht nehmen»

«Christen und Muslime haben in Mali hundert Jahre lang sehr gut zusammengelebt», sagt Pater Hans-Joachim Lohre. Doch plötzlich habe sich das geändert: «Es gab und gibt in der islamischen Welt seit Ende des 20. Jahrhunderts fundamentalistische Strömungen, die ein Miteinander massiv erschweren.»

Abhilfe schaffen sollte das «Zentrum Glaube und Begegnung», das 2001 von den Weissen Vätern, auch bekannt als Afrikamissionare, und der Diözese Bamako gegründet wurde. Pater Lohre gehört zum Orden der Weissen Väter und hat das Zentrum geleitet.

Mali liegt im Herzen Westafrikas Afrikas: 80 bis 90 Prozent sind Muslime, 10 bis 20 Prozent gehören einer Naturreligion an, und etwa ein bis zwei Prozent sind Christen. 

«Die Unkenntnis ist die Mutter der Intoleranz»

Über die Arbeit im «Zentrum Glaube und Begegnung» sagt Pater Lohre: «Wir haben Vorträge angeboten, zu denen wir einen christlichen und einen muslimischen Redner eingeladen haben zu Themen, die allgemein interessant sind.»

Er nennt Beispiele wie «Kann beten heilen?» oder «Welchen Sinn geben wir heute dem Fasten?» und verweist auf die Charta des Zentrums. Darin heisst es: «Die Unkenntnis ist die Mutter von Intoleranz und Verachtung.» Das Hauptanliegen des Zentrums sei es, die Kenntnis der anderen Religion zu fördern.

Die Entführung

Trotz seines Engagements für den interreligiösen Dialog wurde Pater Lohre im November 2022 von Dschihadisten entführt. Nach dem Grund gefragt, bekam er folgende Antwort: «Du bist Deutscher, und Deutschland ist im Krieg gegen uns. Wir wollen, dass alle Deutschen das Land verlassen. Das ist unsere Rache an Deutschland.»

Beruhigend fügte einer der Entführer hinzu: «Hab keine Angst, wir werden dich gut behandeln.» Und tatsächlich sei er weder geschlagen noch beschimpft worden, sagt Pater Lohre. Zu vermuten ist, dass die Entführer Lösegeld von Deutschland erpresst haben oder Gefangene frei bekommen wollten.

Nie mit Gott gehadert

Wenn er von seinem Leben in Gefangenschaft berichtet, wirkt Pater Lohre sehr gelassen: «Ich habe nie mit Gott gehadert. Es war die Gelegenheit, meinen Glauben zu Jesus zu vertiefen.» Auch Angst habe er keine gehabt.

Im Podcast «Laut + Leis» zitiert Lohre Viktor Frankl, der Auschwitz überlebt und mit «. . . trotzdem Ja zum Leben sagen» einen Weltbesteller geschrieben hat: «Das Konzentrationslager überlebt haben diejenigen Leute, die es verstanden haben, dieser Situation einen Sinn zu geben.»

Er, so Lohre, habe sich gesagt: «Egal, ob ich drei, vier oder fünf Jahre in Gefangenschaft leben muss: Heute beginnt meine Auszeit, die ich sowieso geplant habe.» Und weiter: «Ich habe keinen Stress mehr, ich brauche keine Predigten vorzubereiten, keine Referenten zu suchen und Sitzungen zu leiten. Ich habe einfach viel Zeit zum Beten.» 

Sein Fazit: «Meinen Glauben an Jesus konnten die Dschihadisten mir nicht nehmen.»

Zwei Tage geweint

Trotzdem war eine Anspannung da und die Erleichterung gross, als er nach einem Jahr freikam und nach Deutschland zurückfliegen durfte. Auf die Frage, wie er sich als freier Mensch gefühlt habe, sagt Pater Lohre: «Ich habe nur geweint die ersten zwei Tage und gespürt, wie der Druck von mir abfällt, der da gewesen ist.»

Er sei nach Hause gekommen zu seiner betagten Mutter, seiner Schwester und seinem Schwager. Für seine Familie sei das Jahr seiner Gefangenschaft die Hölle gewesen und seine Angehörigen hätten ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er zuhause keine Interviews geben dürfe und auch nicht mehr nach Mali zurückkehren solle.

«Geiseln kehren nicht in das Land zurück, in dem sie entführt wurden», sagt Pater Lohre. Die Polizei habe ihm gesagt, wer es trotzdem getan habe und wieder entführt wurde, sei nicht mehr lebend zurückgekommen.

Auf Einladung von «Kirche in Not (ACN)» in der Schweiz

Seit einem Jahr lebt Pater Lohre nun in Marseille, wo die Weissen Väter eine Gemeinschaft haben und sich ebenfalls stark im christlich-muslimischen Dialog engagieren. «Ich hoffe sehr, dass ich noch lange in Marseille bleiben kann», so der Pater.

Auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not (ACN)» reiste der 68-Jährige während der sogenannten Redweek (Gedenk- und Gebetswoche für verfolgte Christinnen und Christen) durch die Schweiz und Liechtenstein und berichtete in verschiedenen Pfarreien über seine Erfahrungen.

Ein grosses Anliegen ist ihm bei seinen Vorträgen folgendes: «Ich versuche immer eine Beziehung zu schaffen zum Tagesevangelium oder zur Lesung und dann zu schildern, wie ich in meiner Gefangenschaft auf diese Situation reagiert und meinen inneren Frieden bewahrt habe.» 

Die Leute seien dann oft sehr überrascht und sagten: «Das zeigt uns, wie sehr der Glaube auch in wirklich schwierigen Situationen tragen kann.» (kath.ch)