Peter von Sury über Auszeit in Rom: «Die Beichte ist eine delikate Angelegenheit»
Sie sind im Januar als Abt von Mariastein zurückgetreten und haben ab Palmsonntag eine viermonatige Auszeit in Rom verbracht, als Beichthörer im Heiligen Jahr. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Peter von Sury: Im Oktober 2024 erhielten alle Benediktinerklöster weltweit ein Rundschreiben. Darin bat Abt Donato Ogliari vom Kloster San Paolo fuori le Mura in Rom um Beichtväter fürs Heilige Jahr 2025; sie wären froh um Unterstützung in anderen Sprachen. Das kam mir in den Sinn, als ich darüber nachdachte, was nach meinem Rücktritt kommen sollte. Eine längere Zeit in Rom zu verbringen, reizte mich, da ich die Stadt aus meiner Studienzeit gut kenne. Als ich mich bei Abt Donato meldete, nahm er mich mit offenen Armen auf.
Was hat das Kloster San Paolo fuori le Mura mit dem Heiligen Jahr zu tun?
Von Sury: Die Benediktiner betreuen seit rund 1300 Jahren das Grab des Apostels Paulus. Die Basilika ist eine der vier päpstlichen Basiliken Roms; sie gehört zum vatikanischen Staatsgebiet. Diese Basiliken spielen im Heiligen Jahr eine grosse Rolle, weil dann die Heilige Pforte geöffnet wird. Sie zu durchschreiten, ist für viele ein emotionales Erlebnis.
Wann wurden Sie fürs Beichten eingesetzt?
Von Sury: Bereits in der Karwoche. So ging es weiter, sechs Tage pro Woche, entweder vormittags oder am Nachmittag, jeweils zweieinhalb bis drei Stunden.
Welche Erfahrungen machten Sie dabei?
Von Sury: Das Beichthören ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. Es verlangt volle Präsenz. Innert kürzester Zeit muss ich mich zu hundert Prozent auf eine neue Person einlassen, oft auch die Sprache wechseln. Ein weiterer Effekt: Unausweichlich muss ich mich meiner eigenen Sündhaftigkeit stellen.
In welchen Sprachen nahmen Sie die Beichte ab?
Von Sury: Gut die Hälfte beichten auf Italienisch. Hinzu kommen Englischsprachige aus der ganzen Welt. Für viele junge Leute, ob aus Mexiko, Osteuropa oder Südostasien, ist Englisch selbstverständlich. Nicht oft, aber doch regelmässig nahm ich die Beichte auf Französisch oder Deutsch ab. Leider kann ich kein Spanisch.
Haben auch Schweizerinnen und Schweizer bei Ihnen gebeichtet?
Von Sury: Dazu äussere ich mich nicht. Die Beichte ist eine delikate Angelegenheit, die auf Diskretion angewiesen ist. Oft brechen starke Emotionen auf.
Wie wichtig ist die Beichte?
Von Sury: Die Vergebung von Sünde und Schuld gehört zum Wesen des Evangeliums, sie ist Teil des Glaubensbekenntnisses, sie macht den Kernauftrag der Kirche aus. Die Art und Weise, wie sie das umsetzt, hat sich im Lauf der Jahrhunderte massiv verändert und weiterentwickelt. Auch bei der Missbrauchsthematik spielt die Beichte eine wichtige Rolle. Es gibt da in jeglicher Hinsicht einen gewaltigen Reflexionsbedarf – und Handlungsbedarf.
Kannten Sie die Mönche im Kloster San Paolo bereits?
Von Sury: Einzig Abt Donato kannte ich ein wenig; ich war ihm 2016 und 2024 am Äbtekongress begegnet.
Sie kamen also in eine fremde Gemeinschaft. Wie war das?
Von Sury: Das war echt spannend! Wir Benediktinermönche haben viel gemeinsam, zum Beispiel was das Klosterleben und das gemeinsame Gebet betrifft. Und doch war es anders. So sprach ich nur italienisch, teilweise ist die Liturgie auf Latein. Anders ist auch der Tagesablauf. Das Morgengebet beginnt um 5.30 Uhr und dauert eine volle Stunde. In Mariastein fangen wir um 6.30 Uhr an. Damit hatte ich am Anfang Mühe. Die riesengrosse Kirche, das Stadtleben ringsum und die teilweise wesentlich jüngeren Mönche, all das war gewöhnungsbedürftig. Ich merkte, wie sehr junge Mönche einer Gemeinschaft guttun.
Waren Sie der einzige Gast-Benediktiner?
Von Sury: Fürs Beichthören im Heiligen Jahr kamen auch Mönche aus Brasilien, Kolumbien, Chile und den USA. Eine willkommene Horizonterweiterung!
Wie haben Sie das Heilige Jahr vor Ort erfahren?
Von Sury: Anlässlich des Heiligen Jahres finden in der Basilika diverse Grossanlässe statt mit Hunderten und Tausenden Teilnehmenden. Es kommen viele Italiener extra nach Rom, um durch die Heilige Pforte zu gehen und zu beichten. Daneben gibt es viele Touristen, wobei die Grenze zwischen Pilgern und Touristen fliessend ist.
Haben Sie in Rom Ihre Zeit als Abt reflektiert und konnten Sie sich erholen?
Von Sury: Erholung? Nein. Bis kurz vor meiner Abreise musste ich dem Schweizer Fernsehen SRF Rede und Antwort stehen über Missbrauchsfälle im Kollegium Altdorf, bei denen Mönche von Mariastein Täter waren. Nach der «Rundschau»-Sendung vom 16. April erreichten mich viele Rückmeldungen. Deren Bearbeitung beanspruchte und belastete mich beträchtlich. Dazu kam der Tod von Papst Franziskus und die Wahl von Papst Leo. Zur Ruhe kam ich auch später nicht. Im Juni zehrte die ungewöhnliche Hitze an den Kräften. Immerhin war mir im Juli eine dreitägige Pause vergönnt.
Sie haben einen Psalmen-Kurs besucht …
Von Sury: Ja, und zwar im internationalen Benediktiner-Kollegium S. Anselmo, wo ich von 1977 bis 1982 studierte. Der Kurs war auf Englisch und schon von daher eine intellektuelle Herausforderung. Ich erlebte, wie akademischer Unterricht heute abläuft, mit ganz neuen technischen Möglichkeiten und in klimatisierten Räumen. Für uns Mönche sind die Psalmen das tägliche Brot; es ist wichtig, sich damit auch wissenschaftlich auseinanderzusetzen.
Was haben Sie dabei Neues erfahren?
Von Sury: Wir beschäftigten uns eingehend mit der Figur Davids. Traditionellerweise werden ihm viele Psalmen zugeschrieben. Das ermöglichte einen ungewohnten Zugang zu den Psalmen.
Weshalb werden Sie ab dem 5. Oktober weitere sechs Wochen in Rom verbringen?
Von Sury: Abt Donato bat mich darum. Nach Rücksprache mit unserm neuen Abt Ludwig verlängerte ich die Auszeit bis Mitte August. Wir vereinbarten auch, dass ich vom 5. Oktober bis Mitte November nach Rom zurückkehren werde.
Werden Sie erneut Beichte hören?
Von Sury: Ja, bestimmt. Und italienisch predigen. Ab Mitte Juni wurde ich auch für die Messfeiern eingeteilt, mit Predigt, alles auf Italienisch, sei es am Sonntagabend oder auch werktags. In St. Paul gibt es werktags drei Messen, sonntags vier. Dafür sind die Benediktiner zuständig. Sie leisten in diesem Jahr eine gewaltige Arbeit. Ich hoffe, dass ich im Herbst auch das eine und andere von Rom sehen kann.
Was zum Beispiel?
Von Sury: Als Pilger möchte ich die «Scala Santa» auf den Knien hinaufrutschen und «Tre Fontane» aufsuchen, wo gemäss Überlieferung der Apostel Paul geköpft wurde. Dazu zwei, drei Museen besuchen, nach Montecassino fahren, italienische Bücher lesen, Bekannte treffen. Mitte Juni lud mich Kardinal Kurt Koch zum Abendessen ein. Das war eine sympathische Begegnung. Wir sind gleich alt. Als Bischof von Basel erteilte er mir am 5. Juli 2008 die Abtsbenediktion. (kath.ch)