Regina Elsner: Das Problem liegt tiefer als Kurt Koch behauptet

Die russische Orthodoxie sei aufgrund politischer Strategien auf den falschen Weg geraten. Kardinal Kurt Koch, Präsident des vatikanischen Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, spricht davon, dass das Staat-Kirche-Verhältnis miteinander diskutiert werden sollte. 

Man müsse also vor allem im offenen Gespräch die Umstände besser verstehen und dann die Fehler ausräumen. Es scheint leicht, die Haltung der russischen Kirchenleitung als unchristlich oder fundamentalistisch zu brandmarken und vom «guten», «richtigen» Christentum zu trennen.

Das grundsätzliche Problem liegt jedoch tiefer. Tatsächlich beruft sich die russische Kirchenleitung nämlich ausdrücklich auf den wichtigsten ökumenischen Konsens der vergangenen Jahre zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche: Das Christentum müsse sich praktisch gegen den säkularen Liberalismus abgrenzen und verteidigen.

Wenn man die Predigten von Patriarch Kyrill liest, die er seit dem 24. Februar 2022 gehalten hat, und dabei die Bilder aus der Ukraine für einen Moment verdrängt, so unterscheiden sich diese Predigten nicht von seinen Predigten der vergangenen 20 Jahre, und – noch bemerkenswerter – kaum von den ökumenischen Beiträgen Metropolit Hilarions oder den Konsenstexten ökumenischer Treffen, etwa der Havanna-Erklärung von Kyrill und Papst Franziskus von 2016. An keiner Stelle ruft Kyrill zum Angriff, in jeder Stelle beschwört er die Bedrohung durch liberale Werte. (…)

Ein ökumenisches Gespräch im Krieg kann es nur geben, wenn deutlich wird, dass ein zentraler ökumenischer Konsens gescheitert ist. Bevor nicht aufgearbeitet ist, dass das Konzept einer christlichen Identität in einem feindlichen säkularen Umfeld tödlich ist – und zwar ganz konkret –, kann es kein Zurück zu den ökumenischen Gemeinsamkeiten geben.»

«Die Konsensökumene mit der russisch-orthodoxen Kirche ist gescheitert», findet die Theologin Regina Elsner. Sie fordert in der «Herder-Korrespondenz» einen Neuanfang im ökumenischen Gespräch – ohne das Feindbild des säkularen Liberalismus. (rr/kath.ch)