Aktuelle Nummer 05 | 2021
28. Februar 2021 bis 13. März 2021

«Sie will eine Allianz sein für eine zukunftsfähige und glaubwürdige Art von Kirche.»

Medienmitteilung zur Gründung der «Allianz Gleichwürdig Katholisch»

 

Aus der Allianz «Es reicht!» wird die «Allianz Gleichwürdig Katholisch». Das Ziel: als Netzwerk von Reformkatholiken Veränderungen in der Schweizer Kirche anzustossen. Kath.ch führ das Gespräch mit Katharina Jost Graf, Vizepräsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds.

Raphael Rauch (kath.ch). Die neue Allianz heisst «Allianz Gleichwürdig Katholisch» und wirbt mit dem Hashtag «#gleicheWürdegleicheRechte». Ist Ihnen kein griffigerer Name eingefallen?

Katharina Jost Graf*: Mir gefällt der Name sehr gut. Er zeigt eine Kontinuität zur Allianz «Es reicht!». Und er bringt auf den Punkt, was uns wichtig ist: gleiche Würde und gleiche Rechte in der katholischen Kirche und in der Welt.

Welche Vision hat die neue Allianz?

Jost Graf: Wir gehen davon aus: Wir Menschen sind nach Gottes Bild geschaffen. Dadurch wird uns eine besondere Würde zuteil, ganz unabhängig von Geschlecht und Herkunft. Aus dieser Gleichwürdigkeit ergibt sich, dass jedem Menschen die gleichen Rechte zukommen. Wirkliche Gleichberechtigung in Kirche und Welt ist unsere Vision.

Ist die Allianz utopisch? Die katholische Kirche hat eine klare Hierarchie, in der Frauen und Laien von vielen Führungsämtern ausgeschlossen werden.

Jost Graf: Wir sind kein Club von Utopisten. Die Kirche ist mehr als die römische Amtskirche. Schauen wir uns das duale System an: Hier wird schon jetzt Demokratie und Gleichberechtigung in einem hohen Mass gelebt. Geschlechtergerechtigkeit ist beispielsweise bei der Jubla und in vielen Pfarreiteams Realität. Natürlich geht unsere Vision über die Grenzen des Kirchenrechts hinaus. Wie uns aber Kirchenrechtler sagen, liesse sich auch mit dem bestehenden Kirchenrecht noch einiges mehr an Gleichberechtigung verwirklichen.

Was wollen Sie dieses Jahr erreichen?

Jost Graf: Wir verstehen uns als Projekt, das sich konkret vier Jahre vorgenommen hat. Es geht darum, nun möglichst rasch einen kleinen Trägerverein zu gründen. Anschliessend wird eine Geschäftsstelle mit einer Projektleiterin oder einem Projektleiter aufgebaut. Dann geht es ums Community-Building: Wir wollen bekannter werden, unsere Ideen vorstellen, uns vernetzen. Das kann digital funktionieren – aber natürlich auch durch den persönlichen Austausch, sobald die Pandemie das zulässt.

Wer wird die Geschäftsstelle finanzieren?

Jost Graf: Da sind einige Abklärungen am Laufen. Die drei Trägerorganisationen Jubla, KAB Schweiz Christliche Sozialbewegung und der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) werden wohl einen kleineren Sockelbeitrag leisten. Namhafte Beiträge wird es aber von dritter Seite geben. Das ist aber noch nicht spruchreif. Zudem setzen wir auch aufs Crowdfunding.

Wer wird die Projektleitung übernehmen?

Jost Graf: Das wissen wir noch nicht. Die Stelle wird bald ausgeschrieben. Unsere Wunschvorstellung wäre eine Person mit 80 Prozent. Die Geschäftsstelle könnte eventuell bei der Jubla angesiedelt werden. Auch wir vom Frauenbund würden gerne die Projektleitung beherbergen, allerdings haben wir leider kein freies Büro.

Wer bestimmt den Kurs der Steuergruppe?

Jost Graf: Wir alle gemeinsam. Wir haben sehr flache Hierarchien. Jede und jeder engagiert sich entsprechend des individuellen Charismas.

Pro Forma werden Sie einen Verein gründen. Warum?

Jost Graf: Wir brauchen den Status einer juristischen Person, um ein Bankkonto zu führen und um das Fundraising zu betreiben. Der Verein ist aber nur die juristische Hardware. Das eigentliche Leben spielt sich in der Projektgemeinschaft, in der Steuergruppe und hoffentlich bald auf der Geschäftsstelle der Allianz ab, die sich sehr offen und dynamisch versteht. Jeder und jede kann mitmachen – und muss dafür kein Formular ausfüllen.

Wer wird Vereinspräsident oder Vereinspräsidentin?

Jost Graf: Das ist offen. Ich könnte mir ein rotierendes Präsidium vorstellen. Stand heute werden Frauenbund, Jubla und KAB den Trägerverein gründen.

Die Allianz «Es reicht!» hat sich vor allem am Bistum Chur abgearbeitet. Sollte es in ein paar Monaten einen neuen Bischof geben – sind Sie dann sprech- und handlungsfähig?

Jost Graf: Wie Sie hoffentlich feststellen, sind wir bereits jetzt sprech- und handlungsfähig. Und mit der Stelle, die geschaffen wird, werden wir dies noch professionalisieren. Betreffend dem Bistum Chur oder überhaupt den Bischöfen ist mir wichtig, zu betonen, was Jubla-Bundespräses Valentin Beck im Interview mit kath.ch gesagt hat: «Die Allianz versteht sich nicht als Fundamental-Opposition, sondern als Brückenbauerin. Sie will Ansprechpartnerin sein für eine zukunftsfähige und glaubwürdige Art von Kirche. Wir reichen den Bischöfen die Hand und möchten sie bei Reformen unterstützen.»

Was sind die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Allianz?

Jost Graf: Wir sind vielleicht mehr für etwas als gegen etwas. Wir werden stärker mit der Westschweiz und wenn möglich auch mit dem Tessin zusammenarbeiten. Und dank einer eigenen Geschäftsstelle können wir professioneller auftreten und starke Kampagnen fahren. Zudem können auch Einzelpersonen mitmachen.

Gibt es bei Ihnen in der Steuergruppe unterschiedliche Interessen – oder nur Friede, Freude, Eierkuchen?

Jost Graf: Wir sind uns weitgehend einig. Ich spüre einen grossen gegenseitigen Respekt. Gleiche Würde, gleiche Rechte – das fordern wir nicht nur, sondern das leben wir auch in der Steuergruppe. Unterschiede gibt es vielleicht im Stil.

Was mir gut gefällt: Wir haben keine Selbstdarsteller, die mit Monologen oder übermässig vielen theologischen Fachbegriffen auftrumpfen. Wir haben eine gute Arbeitsatmosphäre.

Sie sprechen in der Medienmitteilung von einer achtköpfen Steuergruppe, nennen später aber nur sieben. Könnte es sein, dass der achte Akteur das Fastenopfer ist?

Jost Graf: Das müssen Sie Bernd Nilles vom Fastenopfer fragen.

Im Vorfeld war davon die Rede, dass sich die Landeskirchen Zürich und Aargau für eine Mitgliedschaft interessieren. Gibt’s hier Neuigkeiten?

Jost Graf: Nein.

Sie arbeiten für das Bistum Basel. Wie würden Sie Ihrem Bischof Felix Gmür die neue Allianz vorstellen?

Jost Graf: Bischof Felix, die «Allianz Gleichwürdig Katholisch» eröffnet auch Ihnen eine Chance. Hier zeigt sich die Kirche in der Welt von heute, facettenreich und mutig. Eine Kirche, die vorwärts geht, konstruktiv und eben gleichwürdig ist.

Welchen Beitrag kann die Allianz für den Erneuerungsprozess der Schweizer Kirche leisten?

Jost Graf: Wir haben einen reichen Erfahrungsschatz und ein kompetentes Netzwerk. Gerne bringen wir uns ein. Das bisherige Gespräch von Frauenvertreterinnen mit den Bischöfen hat gezeigt, dass die Bischofskonferenz vom Austausch nur profitieren kann. Darauf bauen wir auch gerne von Seiten der Allianz auf. Wir sind eine Form von synodaler Kirche. Das ist auch ganz im Sinne von Papst Franziskus.

* Katharina Jost Graf (57) ist Vizepräsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds. Die Theologin arbeitet als Pfarreiseelsorgerin im Pastoralraum Hürntal LU.

 

Sieben Menschen steuern die Allianz

Die neue «Allianz Gleichwürdig Katholisch» hat eine Steuergruppe, der momentan sieben Menschen angehören: Valentin Beck (Jubla Schweiz), Susanne Andrea Birke (Fachstelle Bildung und Propstei), Simone Curau-Aepli (Schweizerischer Katholischer Frauenbund SKF), Hans Gisler (Katholische ArbeitnehmerInnen-Bewegung Schweiz Christliche Sozialbewegung), Regula Grünenfelder (Catholic Women›s Council), Katharina Jost Graf (SKF), Franziska Zen Ruffinen (Catholic Women›s Council). (rr)

 

Fastenopfer, Aargau und Zürich nicht dabei

Im Vorfeld war davon die Rede, dass das Hilfswerk Fastenopfer und die Kantonalkirchen von Aargau und Zürich ebenfalls bei der neuen Allianz mitmachen würden. Dem ist aber nicht so. Bernd Nilles, Geschäftsleiter des Fastenopfers, teilt kath.ch mit: «Das Fastenopfer ist nicht Mitglied der Allianz. Wir sehen aber mit grossem Interesse die aktuellen Reformbewegungen weltweit hin zu mehr Partizipation, Synodalität und Gleichberechtigung.»

Entsprechend sei das Fastenopfer bei der Amazonas-Synode aktiv gewesen. «Diese Erfahrungen aus dem Süden bringen wir gerne in die Schweizer Kirche auf allen Ebenen ein. Entsprechend stehen wir mit der Allianz in Kontakt und freuen uns, dass diese den Leitspruch ‹Gleiche Würde, gleiche Rechte in der Katholischen Kirche und in der Welt› gewählt hat.»

Eine Absage kommt auch aus den Kantonalkirchen von Aargau und Zürich. «Wir schätzen es, wenn engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Freiwillige sich treffen, sich austauschen und neue Wege suchen. Das ist wichtiger denn je», teilen Luc Humbel und Franziska Driessen-Reding mit. Sie stehen an der Spitze der Kantonalkirchen im Aargau und in Zürich.

«Als Kantonalkirche treten wir aber per se keiner Gruppierung bei. Auch werden wir nicht Mitglied eines Vereins. Dass wir Sympathien für die Allianz haben, dürfte vielen klar sein. Wir sind gerne Beobachterinnen und Berater, falls nötig, werden aber nicht Mitglied.» (rr)