Unbequem, aber kein Querulant: Felix Terrier will in Prag Wandel – zum Wohl der Kirche

In den Speisesaal des ehemaligen Klosters Dornach lädt Felix Terrier fürs Gespräch. Der Saal mit seiner prunkvollen Wandtäfelung hat – auch 30 Jahre nach der Klosteraufhebung – nichts von seinem monastischen Charme verloren.

Kein Priesterkragen-Outing

Das Setting und das hölzerne Kreuz, das er um den Hals trägt, verraten: Felix Terrier ist ein Mann der Kirche. Ein Priesterkragen, der ihn sofort als Priester outen würde, trägt er aber nie. «Eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr», lacht der 64-jährige, darauf angesprochen.

Jakobsmuschel-Ohrring

Ein bisschen eitel sei er allerdings schon, gesteht der Rektor der Klosterkirche, der hier neben dem Hotel- und Restaurantbetrieb für alles Geistliche zuständig ist. Im linken Ohr trägt er deshalb einen Ohrring – Schmuck und Botschaft zugleich. Die silberne Jakobsmuschel erzählt von dem Weg, den Terrier als Pilger gegangen ist. Ruhig und auf eine besondere Art Zufriedenheit ausstrahlen sitzt er in der Mitte der Tafel, an der einst die Mönche Platz nahmen.

Terrier hat schon viele Strecken hinter sich gebracht – manche mit Pilgernden auf dem Jakobsweg, viele mit der katholischen Kirche. Für letztere wird er sich im Februar auf den Weg nach Prag machen – jedenfalls virtuell. Terrier ist einer von zehn Schweizer Delegierten, die dem Synodalen Treffen im Februar vom heimischen Schreibtisch aus beiwohnen werden – konkret vom katholischen Bildungszentrum Wislikofen AG aus. Vier weitere vertreten vor Ort die Schweizer Bistümer.

Ja für Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

Er sei wohl ausgewählt worden, weil er Dinge offen anspreche auch Unbequemes, vermutet Terrier. Ein Schmunzeln huscht über sein rundes Gesicht, das verrät, dass er sich in dieser Rolle wohlfühlt.

Bekanntheit über die Kantonsgrenzen hinaus erlangte er schon vor rund zwanzig Jahren. Er hatte das Papier «Die Liebe feiern, die Liebe segnen» der Pastoralkonferenz Baselland mitverantwortet. Die Pastoralkonferenz hatte sich bereits damals für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ausgesprochen. «Ein Querulant bin ich aber nicht», betont Terrier. «Ich möchte konstruktiv wirken zum Wohle der Kirche.»

Priestersein für Gerechtigkeit

Theologie war sein zweites Studium. Erst hatte er sich der Jurisprudenz gewidmet, immer auf der Suche nach Gerechtigkeit. Dazu könne er als Priester mehr beitragen, hatte er Mitte Zwanzig aber für sich entschieden.

Noch steht er dem synodalen Prozess allerdings skeptisch gegenüber. Er erwartet keine Wunder in Prag. Aber je länger er darüber spricht, umso mehr dringt die tiefe Hoffnung auf Erneuerung durch. Jetzt lehnt sich Terrier etwas nach vorne, fängt an fast leidenschaftlich zu erzählen.

Viele Anfragen

Vor seiner Pensionierung Ende Juli 2022 war der gebürtige Aargauer Priester zu weit über einhundert Prozent, erzählt er mit einem Strahlen in den Augen. Aber die Aufgabe habe ihn auch müde gemacht, ausgelaugt. Mehrere Pfarreien betreute er zuletzt gleichzeitig – dem Priestermangel geschuldet. Auch heute könnte er seine Zeit mit Gottesdiensten füllen, sagt Terrier. «Es gibt genug Anfragen, um mich die ganze Woche auf Trab zu halten.»

Gäbe er dem nach, würde das an dem eigentlichen Problem der Kirche aber nichts ändern, sagt Terrier. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn scheinen bei diesen Worten noch ein wenig tiefer zu werden.

Kritik an «engstirnigen Bedingungen»

«Die Kirche hat keine Zukunft, wenn sie sich auf eine Professionalität stützt, die sie gar nicht mehr anbieten kann», beschreibt Terrier das aus seiner Sicht wohl akuteste Problem. «Und dann stellt sie daran noch engstirnige Bedingungen», fügt er an. Während der Priester die Unbeweglichkeit der Kirche beschreibt, wandelt sich seine Skepsis in Aufbruchsstimmung.  

Aus dem erst zögerlich antwortenden Geistlichen sprudelt es jetzt heraus: «Ich kenne einen Theologen, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt und den das Bistum zu nichts, was über das Katechetenamt hinausgeht, beauftragen will. Das ist eine Katastrophe!»

Not der Menschen ist der Kirche egal

Damit sage die Kirche den Menschen ganz deutlich: «Eure Not ist mir ‹egal›. Die Seelsorge vor Ort ist uns schlicht weniger wichtig als unsere Regeln.» Damit vernachlässige sie ihren eigentlichen Auftrag und stelle die Disziplin über die Verkündigung des Evangeliums. 

Die Menschen, die jetzt noch in der Kirche aktiv sind, müssten sich als aktiver Teil der kirchlichen Gemeinschaft verstehen, fordert Terrie. Das setze voraus, «dass wir als Amtsträger diesen Menschen anders begegnen, als wir es bisher getan haben».

Terrier geht auf ein klares Ziel zu: die Ermächtigung von Laiinnen und Laien zur Verkündigung und dann auch zu sakramentalem Handeln. «Solange wir von der Kirche in der dritten Person sprechen, hat die Kirche keine Zukunft. Erst wenn wir beginnen, in der ersten Person zu sprechen, uns wirklich als Glied der Kirche verstehen, wird Kirche lebendig», sagt Terrier überzeugt. 

Menschen sollen selbst Gottesdienste feiern können

Es nervt ihn sichtlich, dass er diese Schritte nicht ohne Rom gehen kann: «Wir können bedauern, dass die Zahlen der Gottesdienstbesuchenden zurückgehen. Wir können darüber klagen, dass auf manchen Dörfern, wenn überhaupt, nur noch sporadisch eine Messe angeboten wird. Oder wir geben den Menschen das Handwerkszeug, selbst Gottesdienste zu feiern, die ihnen wichtig sind.»

Die Kirche müsse sich wandeln, nicht, weil er oder viele Menschen in der Schweiz es so wollten, so Terrier, sondern weil es richtig und notwendig sei, um Gottes Wort in der Gesellschaft wach zu halten, auch noch in der nächsten Generation. 

«Vorsichtig optimistisch» betreffend Synode

Wie viel Wandlungspotenzial in der Synode steckt, beantwortet Terrier allerdings mit seiner anfänglichen Skepsis: «Keine Ahnung, ich bin vorsichtig optimistisch», sagt er knapp und doch nicht ohne einen gewissen Kampfgeist. Das Leben habe ihn jedenfalls gelehrt, vorsichtig zu sein und nicht zu hohe Erwartungen zu haben.

Er denkt nicht, dass sein Votum in Prag die Situation der Kirche sofort verändern würde. Aber er möchte seinen Beitrag dazu leisten: «Ich gehe in der Überzeugung, dass Kirche eine Zukunft hat.»

Weiterschreiten als Kirchenkultur

Und deshalb hofft Terrier in Prag auf eine erste Wegmarke: zumindest eine Begründung, warum bestimmte Schritte nicht gemacht werden. Der Verweis auf die Tradition reiche dabei nicht. Das verstünden die Menschen nicht, ist Terrier überzeugt. Diese Argumentation, die Rom pflegt, habe sich längst überholt.

Pragmatisch meint er: Werde das angestossene dialogische Weiterschreiten Teil der Kirchenkultur, dann sei schon ein wichtiger Schritt gemacht. Das Schlimmste, was passieren kann, ist aus seiner Sicht: «Wir reden viel, und es passiert nichts. Es wird schwierig sein, Menschen für den Glauben zu begeistern, wenn die Institution diese Begeisterung nicht stützt.» (kath.ch)