Aktuelle Nummer 15 | 16 | 2019
21. Juli 2019 bis 17. August 2019

… weil wir nichts verpassen wollten

Gedanken zum Sonntag 10. Februar 2019 (Jesaja 6,1-8)  

 

«Ich hatte es mir im Wohnzimmer bequem gemacht, las mit erhobener Stimme aus Schillers Schauspiel Die Räuber, als die Tür aufging. Der Vater. Viel zu früh. Ich rutschte vom Sofa, wollte mich an ihm vorbeidrücken, als er den Gürtel schon aus der Hose gezogen hatte und auf meine Hand mit dem Heftchen pfeifen liess. ‹Hast du nichts Besseres zu tun, als hier auf der faulen Haut zu liegen?›, schrie er. Das Heftchen fiel mir aus der Hand, heulend drückte ich die gezeichnete Rechte mit der Linken an die Wange, duckte mich untern Tisch. Sah die Hand des Vaters das Heft ergreifen, hörte, wie er es einmal, zweimal zerriss, die Türe knallte hinter ihm zu.» Aus dem Kind, aus dem der Vater das Lesen und das Interesse an Literatur und damit die Berufung herausprügeln will, ist dann doch noch eine Schriftstellerin geworden; der zitierte Abschnitt findet sich in Ulla Hahns autobiografischem Roman Das verborgene Wort.

Das Kind ist in eine Häuslerfamilie hineingeboren, in der sich alles und jedes ums nackte Überleben dreht. Für den Vater bedeutet überleben soviel wie Geld verdienen. Das Kind flüchtet sich aus dieser trostlosen Situation in die Bücher. Immer deutlicher spürt es, dass die Existenzangst den Horizont dermassen beengen kann, dass nur noch das Materielle zählt.

Das Kind, von dem Ulla Hahn berichtet, ist nicht einfach in eine irreale Fantasielandschaft abgetaucht, sondern hat sich auf eine Entdeckungsreise begeben mit den Mitteln, die ihm unter den gegebenen Umständen möglich waren. Dabei ist es vorgedrungen in eine völlig neue, geistige Welt.

Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, haben wir vielleicht ab und zu den Eindruck, das könne doch nicht alles gewesen sein. Möglicherweise kommen wir dann zur Einsicht, dass wir so manches gerade deshalb verpasst haben, weil wir ständig darauf erpicht waren, nur ja nichts zu verpassen – und dass es höchste Zeit ist, uns auf unsere Berufung zu konzentrieren.

Berufung ist stets mit mancherlei Mühsal und Verzicht verbunden. Wohl deshalb haben sich Gestalten wie Mose, Jeremia oder Jesaja anfänglich massiv gesträubt, Gottes Ruf zu folgen. Was wäre wohl aus ihnen geworden, wenn sie sich ihrer Berufung verweigert hätten?

 

Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der Seelsorge tätig.