Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

«Werde momentan nicht aus der Kirche austreten»

«Ich habe die Bischöfe Wolfgang Haas und Vitus Huonder ertragen. Einen dritten Bischof desselben Schlags überlebe ich nicht. Mir sind die Energie und die Freude ausgetrieben worden.»

Dieser Satz stammt aus dem Leserbrief von Pfarrer Reto Müller. Er solidarisierte sich mit dem geschassten Generalvikar Martin Kopp. Mit Reto Müller wiederum solidarisierte sich der Journalist Bruno Ziauddin* vom «Magazin» der Tamedia AG. Für ihn ist es der Pfarrer seines Lebens. Er schrieb am 25. April 2020 in «Das Magazin»: «Jener Mensch, der – ohne es zu wissen – am meisten dazu beigetragen hat, dass ich nie aus der Kirche ausgetreten bin, ist nun Auslöser dafür, dass ich zum ersten Mal ernsthaft über diesen Schritt nachdenke. Wenn selbst einer wie er verzagt, was soll dann einer wie ich noch hier?» (Hier zum vollständigen Text). kath.ch hat nachgehakt.

 

Raphael Rauch (kath.ch): Religion ist kein Smalltalk-Thema. Hatten Sie Hemmungen, sich als Mitglied der römisch-katholischen Kirche zu outen?

Ziauddin: Ich bin 54. Also in einem Alter, wo mir nichts mehr so schnell peinlich ist.

Sind Sie inzwischen aus der Kirche ausgetreten?

Ziauddin: Nein. Ich werde nicht aus der Kirche austreten, zumindest momentan nicht. Es war nicht zuletzt ein Gespräch mit Reto Müller, das mich zum Bleiben bewogen hat. Er ist ja auch nicht aus der Kirche ausgetreten und bleibt weiterhin Spitalseelsorger.

Welche Reaktionen gab es auf Ihren Artikel?

Ziauddin: Viele haben mich gebeten, zu bleiben. Mit einem Austritt, so hiess es, treffe ich die Falschen. Und ich denke mittlerweile: Ein Austritt ist kein Zeichen, denn dem Bischof ist es egal, ob einer wie ich weiterhin Kirchenmitglied ist. Nur ein Leser hat mich aufgrund negativer Erfahrungen mit der Kirche ermutigt, auszutreten.

Wer wäre ein guter Bischof von Chur?

Ziauddin: Es wäre völlig absurd, wenn ich Namen nennen würde. Aber es wäre schön, wenn der neue Bischof nicht frömmelnd und weltfremd wäre, sondern im 21. Jahrhundert daheim.

Sie beschreiben Reto Müller als Vorbild und väterlichen Freund. Sind Persönlichkeiten wichtiger als Glaubensinhalte?

Ziauddin: Ich bin unbegabt im Zeichnen. Auch der beste Zeichenlehrer der Welt hätte aus mir keinen guten Zeichner gemacht. Aber als Primarschüler war ich sehr gut in Mathe. Ein Mathe-Lehrer hat mir dann am Gymnasium die Freude an dem Fach ausgetrieben.

Das heisst?

Ziauddin: Der beste Pfarrer nützt nichts, wenn die Bereitschaft fehlt, sich auf Glaubensinhalte einzulassen. Umgekehrt kann ein Pfarrer oder Lehrer vieles kaputt machen. Reto Müller hat mich dort abgeholt, wo ich als Teenager stand. Und er war später immer wieder für mich da.

Sie sehen sich als «Passiv-Christ». Steht das nicht in Widerspruch zu Reto Müllers Kirchenbild? Der unterscheidet sicher nicht in Aktiv- und Passiv-Christen.

Ziauddin: Es gibt Leute, die das Gefühl haben, ihre Meinung ist immer und überall gefragt. Bei mir ist das nicht der Fall. Bis mein Sohn zur Welt kam, hatte ich mehrere Jahre nicht mehr viel mit der Kirche zu tun. Deswegen die Zurückhaltung. Wobei ein Leser schrieb: Ich zahle Kirchensteuern, also soll ich mich ruhig einmischen.

Soziologisch passen Sie ins Raster: Kinder bringen die Eltern zurück in die Kirche, zumindest punktuell.

Ziauddin: Wäre Corona nicht gewesen, hätte mein Sohn vor kurzem Erstkommunion gefeiert. Das wird jetzt später nachgeholt.

Wer hat die bessere Erstkommunion-Vorbereitung gemacht: Reto Müller – oder die heutige Generation?

Ziauddin: Die Erstkommunion-Vorbereitung meines Sohnes war richtig gut. Die Kirche kämpft und jeden Kunden. Aber klar, die Situation ist völlig anders als bei mir. Bei uns waren die Kindergottesdienste ziemlich voll. Jetzt sind das schon fast sektenhafte Mini-Events, die sich in der Krypta abspielen mit 10 bis 15 Leuten, die per Handschlag begrüsst werden.

Sie erwähnen in Ihrem Text den Tod Ihrer Eltern, Reto Müller hat beide beerdigt. Hilft Religion bei Trauer?

Ziauddin: Meine Mutter hatte einen fiesen Krebs, der sie in eineinhalb Jahren dahingerafft hat. Da kommen eher Fragen: Wie kann Gott das nur zulassen? Die Abdankung meines Vaters hatte nichts Tröstliches, sie war schlimm. Aber es war gut, dass einer wie Reto Müller und so viele Menschen, die meinen Vater gekannt hatten, da waren. Paradoxerweise kam ich bei der Beerdigung der Kirche etwas näher, aber nicht unbedingt dem Glauben.

 

* Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor von «Das Magazin». Bei Rowohlt erschien unter dem Titel «Curry Connection – wie ich zu fünf Taten, 34 Cousins und einem neuen Namen kam» die Geschichte seiner globalisierten Familie.

11. Mai 2020, Raphael Rauch (kath.ch)