Aktuelle Nummer 02 | 2021
17. Januar 2021 bis 30. Januar 2021

«Wir steuern in der Schweiz auf einen pastoralen Notstand zu»

(kath.ch 16.12.2020) Von Finanzen bis zum Frauenpriestertum: Die Kantonal- und Landeskirchen haben zig Fragen auf ihrer Plenarversammlung virtuell diskutiert. Auch das Bistum Chur gab zu reden.

Raphael Rauch

Sie haben digital getagt. Sind Sie ein Fan von Zoom-Konferenzen?

Renata Asal-Steger*: Nein, ich bevorzuge physische Sitzungen und es gibt Themen, die man besser persönlich oder telefonisch bespricht. Aber ohne Videokonferenz hätten wir alles auf 2021 vertagen müssen.

Der Churer Generalvikar Martin Grichting beschimpft die Ordinarien von Basel, St. Gallen und Einsiedeln – aber auch die Landeskirchen. Sie hätten die Bischofswahl beeinflusst.

Asal-Steger: Die RKZ ist in keiner Weise involviert. Aber die nicht mehr übersehbaren tiefen Gräben sind besorgniserregend und belasten die katholische Kirche über die Bistumsgrenzen hinaus. Deshalb haben wir die Situation in unserem offenen Brief an die Bischofskonferenz angesprochen. Sie muss auf dem gemeinsamen Weg zur Erneuerung der Kirche zur Sprache kommen.

In den Ergebnissen der Plenarversammlung ist von steigenden Ansprüchen der Landeskirchen mit Blick auf die RKZ die Rede. Worum geht es da?

Asal-Steger: Es gibt viele Fachfragen, bei denen die Landeskirchen froh sind, wenn sie Expertinnen und Experten beiziehen können. Das Generalsekretariat ist viel mehr gefordert als noch vor ein paar Jahren. Ein konkretes Beispiel ist die Zukunft der Migrationspastoral. Kantonalkirchliche Entwicklungen müssen aufeinander und auf gesamtschweizerische Prozesse abgestimmt werden. Dafür ist die Kompetenz des Generalsekretariates unerlässlich.

Noch managt vieles Daniel Kosch. Ende 2022 wird er pensioniert. Wer wird sein Nachfolger?

Asal-Steger: Wir nutzen diese Zäsur, um zu klären, wie wir in Zukunft aufgestellt sein wollen.

Die finanzielle Situation ist ambivalent: 2019 war ein starkes Jahr, die meisten Landeskirchen machten Überschüsse. 2020 dürfte coronabedingt auch finanziell ein Desaster werden.

Asal-Steger: Von einem Desaster zu sprechen ist verfrüht und zu pauschal. Es ist mit grossen Unterschieden zu rechnen. Die Kirche kann in Genf und Neuenburg keine Kirchensteuern erheben und lebt von Spenden. Diese sind massiv eingebrochen. Deshalb haben sie um einen teilweisen Erlass des RKZ-Beitrags gebeten. Dem tragen wir Rechnung. Wir sind solidarisch unterwegs, hoffen aber, dass die Ausfälle anderswo geringer ausfallen werden.

Gab es eine Nachlese mit Blick auf die Konzernverantwortungsinitiative (KVI): Wie politisch darf Kirche sein?

Asal-Steger: Zusammen mit der Bischofskonferenz haben wir eine Aufarbeitung der Abstimmungsdebatte angekündigt. Zugleich wurde festgehalten, dass wir dafür einstehen, dass die Kirchen ihre Kernanliegen auch in Zukunft in die politischen Debatten einbringen. Die Frage beschäftigt zurzeit auch das Bundesgericht, dessen Entscheid zu berücksichtigen sein wird. Zur KVI selber hat die RKZ sich nicht geäussert. Auch die meisten Landeskirchen blieben neutral. Unter den Privatmeinungen der Präsidenten fanden sich sowohl Pro- wie Contra-Stimmen.

Sie persönlich waren für die KVI. Hat Sie das Ergebnis sehr enttäuscht?

Asal-Steger: Natürlich! Immerhin hat die KVI eine Mehrheit gefunden. Zudem hat die Abstimmungsdebatte die Bevölkerung für Fragen der Menschenrechte und der Ökologie neu sensibilisiert. Für mich ist klar: Die Wirtschaft dient dem Menschen – nicht umgekehrt.

Nach der KVI ist die «Ehe für alle» das nächste heisse Eisen. Welche Meinung hat die RKZ hierzu?

Asal-Steger: Das haben wir nicht diskutiert.

Warum nicht? Die Ehe ist doch ein weltlich Ding! Und für weltliche Fragen ist doch die RKZ zuständig…

Asal-Steger: Nach römisch-katholischem Verständnis ist die Ehe ein Sakrament und viele Fragen rund um die «Ehe für alle» haben eine starke ethische Dimension. Deshalb ist primär die Bischofskonferenz zuständig. Sollte ein RKZ-Mitglied beantragen, dass wir uns positionieren, müsste die RKZ klären, ob und wie sie sich äussert. Aber noch hat niemand einen Vorstoss eingebracht.

Ein Vorstoss aus Baselland fand eine Mehrheit: Die RKZ macht sich für die Öffnung des Priesterberufs für Laien im Allgemeinen und für Frauen im Besonderen stark. Warum?

Asal-Steger: Katholische Frauen sind in der Kirche nicht gleichberechtigt. Wichtige Leitungsaufgaben, die Zulassung zu einem Weiheamt und das Spenden der meisten Sakramente sind ihnen aufgrund ihres Frauseins verwehrt. Das ist stossend. Die katholische Kirche vertritt, dass alle Menschen die gleiche Würde haben. Zur gleichen Würde gehören aber auch gleiche Rechte. Gleiche Würde und gleiche Rechte – das gehört zusammen. Frauen möchten Kirche mitgestalten und ihr ein Gesicht geben, das auch weibliche Züge haben.

Hinzu kommt, dass wir in der Schweiz auf einen pastoralen Notstand zusteuern, gerade was die wichtige Frage der Feier der Sakramente betrifft. Gleichzeitig haben wir überzeugte und gut ausgebildete Laien, Frauen wie Männer, die gerne die Sakramente spenden und pastorale Leitungsverantwortung übernehmen würden – aber nicht dürfen. Das gilt auch, aber nicht nur für das Priesteramt. Mit ihrer Forderung setzt sich die RKZ für eine Kirche ein, die sich erneuert, um an Leuchtkraft und Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Der Antrag pro Laien und pro Frauen fand eine Zweidrittelmehrheit – ein Drittel war aber dagegen. Warum?

Asal-Steger: Der Antrag, über den wir abgestimmt haben, betraf nur die explizite Forderung nach geänderten Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe. Die Forderung nach gleichen Rechten für Frauen und Männer war nicht bestritten. In der Diskussion spielten dann vor allem die Pro-Argumente eine Rolle. Wenn jemand dagegen stimmt, kann das zwei Gründe haben: Entweder ist er oder sie tatsächlich dafür, dass die Weiheämter nur Männern vorbehalten sein sollten. Oder er oder sie findet, die RKZ sei nicht dafür zuständig, sondern die Bischöfe.

Schweizweit gilt eine Obergrenze von 50 Menschen pro Gottesdienst – egal ob kleine Kapelle oder grosse Kathedrale. In manchen Kantonen sind die Regeln noch strenger. Wäre das nicht eine Kernaufgabe der RKZ: auf den Tisch zu hauen und sich dafür einzusetzen, dass die Kantone die Regelungen lockern?

Asal-Steger: Auf den Tisch zu hauen ist nicht so unsere Methode. Für die Beziehungen zum Bundesrat ist die Bischofskonferenz zuständig. Wir haben aber die Bischöfe gebeten, in den Verhandlungen mit dem Bund darauf hinzuwirken, dass die Grösse des Kirchenraumes berücksichtigt wird und darauf hingewiesen, dass die staatskirchenrechtlichen Körperschaften in dieser Frage auch mit den Kantonsregierungen im Gespräch sind. Zudem macht die Entwicklung während der letzten Wochen deutlich, dass ein Rückgang der Infektionen oberste Priorität haben muss. Es wäre falsch, den Eindruck zu erwecken, den Kirchen sei die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher wichtiger als der Schutz der Bevölkerung und der besonders gefährdeten Personen.

* Renata Asal-Steger (60) ist Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). Das ist der gesamtschweizerische Zusammenschluss von kantonalkirchlichen Organisationen. Sie leitet auch die Luzerner Landeskirche.