Aktuelle Nummer 17 | 2020
16. August 2020 bis 29. August 2020

Schwerpunkt

Grosseltern

von Kuno Schmid

Manche Kinder bezeichnen die Grosseltern als ihre wichtigsten Bezugspersonen. Sie verbringen oft viel Zeit mit ihnen und schätzen es, wenn sie ihnen Geschichten erzählen. Gerade die Adventszeit lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was das Geschichten-Erzählen bedeutet, und dabei die Grosseltern und andere «grosselterliche» Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. 

Neue Rolle der Grosseltern
Viele Grosseltern geniessen es, wenn ihre Enkel auf Besuch kommen. Sie nehmen sich Zeit für die kleinen Besucher, oft mehr als damals für die eigenen Kinder. Denn viele von ihnen sind jetzt pensioniert und müssen nicht mehr ihr Familienleben und Freizeitengagement mit dem Beruf koordinieren. Dank der höheren Lebenserwartung ist aus der Grosselternzeit eine eigentliche neue Lebensphase entstanden. Lebten die älteren Menschen früher eher zurückgezogenen, so sind sie heute aktiv unterwegs und werden als rüstige Seniorinnen und Senioren überall gebraucht. Gerade die jungen Familien, in denen sich Mutter und Vater oft die Familienbetreuung und das Berufsleben teilen, sind auf Unterstützung angewiesen. Das ruft die Grosseltern auf den Plan. Sie sind eine willkommene Ergänzung zu den Krippenplätzen oder sie überbrücken die Randzeiten nach Kindergarten und Schulschluss bis zur Heimkehr der Eltern. Fast jedes zweite Kindergartenkind wird heutzutage von Grosseltern mitbetreut. Die Grosseltern finden sich in einer neuen Rolle vor. Anders als gegenüber den eigenen Kindern bleibt die fürsorgliche Verantwortung der Kinderbetreuung befristet und kann wieder abgegeben werden. Den gelegentlichen Ärger kann man dadurch besser stehen lassen und sich am Einblick in die Lebenswelt der jungen Generation freuen. 

Klippen des Grosselternseins
Auch für die Kinder sind es interessante und wertvolle Erfahrungen. Nebst dem häuslichen Familienbetrieb bei den Eltern oder abwechslungsweise bei Vater und Mutter erleben sie «alternative» Wohn- und Lebensgewohnheiten bei Grosseltern oder bei anderen Erwachsenen, die sie «hüten». Sie erleben ganz unterschiedliche Wertordnungen und begreifen schnell, was «hier gilt und dort nicht geht». Vielleicht muss man bei den Grosseltern die Schuhe schon vor der Tür ausziehen, man muss zuerst die Hausaufgaben machen oder man darf länger fernsehen als zu Hause. Das wird noch deutlicher, wenn die verschiedenen Grosseltern unterschiedlichen Kulturen oder Milieus angehören. Kinder lernen so ganz natürlich, wie man sich in unserer vielfältigen Gesellschaft bewegt. Es erweitert ihren Horizont und fördert die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Menschen und Situationen einstellen zu können. Trotzdem gibt es hier auch Klippen, denn die Kinder wissen solche Situationen auszunutzen. «Zu Hause darf ich aber …», oder «der Grossvater hat es auch mit mir gemacht …», so beginnt das gegenseitige Ausspielen der Bezugspersonen. Wenn es nicht gelingt, den Kindern gelassen zu erklären, dass eben unterschiedliche Regeln gelten, kann es durchaus zu Konflikten zwischen Eltern und Grosseltern kommen. Der Austausch zwischen Eltern und Grosseltern kann manches relativieren und im Zweifelsfall richtet man sich nach den elterlichen Weisungen, denn sie sind für die Erziehung verantwortlich. 

Grosseltern kann man fragen
Bei den Grosseltern finden Kinder oft Gegenstände, Bilder oder Rituale mit religiösem Hintergrund, die sie von zu Hause her nicht mehr kennen. Sie stellen viele Fragen zu diesen und anderem – und weiter über Gott und die Welt. Grosseltern sind oft unsicher, wie sie antworten sollen, insbesondere wenn sie wissen, dass die Eltern der Kinder eher ein distanziertes Verhältnis zu Glauben und Kirche haben. Doch den Kindern stellen sich solche Fragen ja auch anderswo. In Fernsehsendungen, auf Bildern und Plakatwänden, an Gebäuden, in Liedern und in Geschichten und beim Computerspielen, überall begegnen ihnen religiöse Motive und Vorstellungen. Hier ein Engel, dort eine Kerze oder eine Kirche …, aus all diesen Elementen konstruieren sie ihre eigene Vorstellung von Gott und Religion. Die Grosseltern können deshalb nichts falsch machen, wenn sie den Kindern von ihrer religiösen Praxis erzählen oder sie daran Anteil nehmen lassen. Grosseltern müssen ihnen jedoch keine Katechismusantworten mitgeben. Vielmehr können sie die Kinderfragen als Ausgangspunkt nehmen, um mit ihnen weiter zu philosophieren und etwas über ihre kindlichen Vorstellungen zu erfahren. Staunen, fragen und Neues entdecken sind Haltungen, die helfen, offen zu bleiben für die grossen Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum. Vielleicht erfahren die Grosseltern auch Dinge, die den Kindern Angst oder Sorgen bereiten und denen sie mit Zuversicht und Vertrauen begegnen können. 

Geschichten erzählen
Kinder hören gerne Geschichten, besonders wenn sie von Grossvater oder Grossmutter erzählt werden. Sie erzählen aus ihrem Leben von früher und kennen viele Episoden und Ereignisse, welche die Kinder fasziniert aufnehmen. Und Grosseltern haben mehr Zeit zum Erzählen als die oft gestresst Eltern. Gerade jetzt im Advent, wenn es draussen schon früh dunkel wird, ist das Geschichten Erzählen im Schein der Adventskerzen besonders schön. Kinder brauchen Geschichten. Sie erkennen darin Elemente, die sie mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verknüpfen können. Genauso wie die Erwachsenen verstehen sie ihr Leben als eine Geschichte, die sie sich selbst erzählen. Das Hören oder Lesen von Geschichten hilft den Kindern mehr als Begriffe, Mahnungen und Erläuterungen, um ihr Leben zu verstehen und es sinnvoll zu deuten und zu gestalten. Gerade die grossen religiösen Erzählungen handeln oft von Erfolg und Scheitern, von Glück und Leid, von Streit und Versöhnung, von Verzweiflung und Erlösung, von Treue und Brüchigkeit, von Gerechtigkeit und Unrecht, von Geburt und Tod, von Gott und den Menschen. Man muss den Kindern die Geschichten gar nicht erklären. Sie wirken von selbst und geben den Kindern Bilder für mögliche Sinnkonzepte. Es sind Weggeschichten, die ihnen Perspektiven eröffnen und ihnen die Symbolsprachen erschliessen. Fragen stellen sie dann schon selbst und erzählen, wie sie die Dinge sehen oder was sie schon erlebt haben. Und wenn sie dann grösser werden und sich von den Grosseltern abgrenzen und abwenden, begleiten sie diese Erzählmotive trotzdem noch lange Jahre weiter.   

Erzählen schafft Beziehung
Das Erzählen und Hören der Geschichten schafft so etwas wie eine Erzählgemeinschaft. Wer erzählt, will eine Beziehung zu den Zuhörenden schaffen. Sie sollen mitdenken, mitfühlen und Bedeutungen nachvollziehen. In der Erzählgemeinschaft können deshalb Grosseltern ihre Rolle am besten finden. Sie müssen nicht mehr Kinder erziehen, sondern mit ihnen eine Beziehung pflegen, eine Beziehung, in der sich die Kinder ernst genommen fühlen, wo sie Vertrauen und Anerkennung erfahren können. Vielleicht liegt darin die Chance, die viele Fachleute in den Grosseltern als den religiösen Bezugspersonen erkennen. Sie können die Grunderfahrung von Angenommensein vermitteln, wie sie auch allen Erzählungen des Jesus von Nazareth zugrunde liegen. Diese Chance ist nicht auf leibliche Grossmütter und Grossväter begrenzt. Sie steht allen offen, die gerade den Advent nutzen möchten, um eine Geschichte bei Kerzenschein zu lesen und sich selbst oder anderen zu erzählen.  

 

Hinweis: 
www.kompass-so.ch
Beratung und Kurse für Eltern und Grosseltern.