Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Editorial

Die Natur als Schöpfung sehen

Manchmal reden wir vom Gleichen, und meinen doch nicht dasselbe. Von jedem Begriff haben wir Bilder und Vorstellungen im Kopf. Diese Bilder sind oft sehr verschieden, auch wenn wir dasselbe Wort verwenden. Das fällt mir auf, wenn von der «Natur» gesprochen wird. Die einen verbinden mit diesem Begriff idyllische, landschaftliche Bilder, die sie an Ferien erinnern, oder sie stellen sich einen naturbelassenen Lebensraum vor. Andere meinen damit natürliche Ressourcen, die für das Leben von Mensch und Vieh genutzt oder als Rohstoffe abgebaut werden können. Die einen sprechen von der Umwelt. Für sie steht der Mensch im Zentrum, aber zur natürlichen Umgebung muss ebenfalls Sorge getragen werden. Die anderen sprechen von Mitwelt, weil für sie Tiere, Pflanzen und die ganze Natur die gleiche Existenzberechtigung haben wie die Menschen. 

Manchmal würden wir uns besser verstehen, wenn wir nachfragen würden. Was meinst du damit, welche Bilder hast du vor Augen, welche Vorstellungen und Überzeugungen stehen dahinter? So könnten wir die «Natur» beispielsweise aus der Perspektive anderer zu sehen versuchen. Gerade wenn es um den Erhalt der Lebensgrundlagen, um Klimawandel und den Schutz der Artenvielfalt geht, ist ein Dialog nicht nur über Fakten, sondern über die verschiedenen Sichtweisen notwendig. Christinnen und Christen können noch eine weitere Sichtweise einbringen. Sie sprechen von der Schöpfung. In ihrem Bild ist die Natur von Gott geschaffen, als Lebenshorizont geschenkt, und wir alle sind Teil davon. Die Schöpfung ist uns als «verlorenes Paradies» gegeben und steht deshalb im Spannungsfeld von Gut und Böse. Sie ist zugleich schön und bedrohlich, lebendig und tödlich, faszinierend und zerbrechlich. So hat sie Gott für gut befunden und uns anvertraut. Der September als «Schöpfungszeit» ist eine Chance, die Natur aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, für sie als Schöpfung zu danken und sich für ihre Bewahrung zu engagieren.  

Ich wünsche Ihnen die Musse für einen staunenden und nachdenklichen Blick auf ein Stück Natur, beispielsweise auf die Alpen.

Kuno Schmid