Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

Kirche und Welt

Geschichte zum Muttertag

von Linda Bergauer, Caritas Baby Hospital

Aliah A. (57) lebt im Westjordanland und lässt sich nicht unterkriegen. Die alleinerziehende Mutter kämpft gegen die Tradition der «Ehe unter Verwandten» und klärt ihre Umgebung über die Risiken auf. Sie wurde im Alter von 22 Jahren mit ihrem Cousin verheiratet. Zwei ihrer Kinder kamen gesund zur Welt; drei weitere aber verlor sie nur wenige Monate nach deren Geburt. Damals konnten ihr die Ärzte in Ost-Jerusalem nicht sagen, warum sie so früh sterben mussten. Auch ihre weiteren Söhne kamen krank zur Welt. Sie wandte sich nun an das Caritas Baby Hospital. Hier wurde eine erbbedingte Stoffwechselerkrankung diagnostiziert, die auf die Verwandtenehe zurückzuführen ist. Ihr Ehemann, ein Cousin ersten Grades, wollte den Befund nicht akzeptieren und verliess sie. Er heiratete eine andere Frau und stellte alle Zahlungen an Aliah ein. Auf einen Schlag war sie ganz alleine für sich und ihre Kinder verantwortlich: «Die Krankheit meiner Kinder hätte ich noch bewältigen können. Das Schlimmste war, dass sich alle gegen mich stellten – mein Ehemann, seine Familie, meine Familie. Die Schuld für die Krankheit meiner Kinder sehen sie allein bei mir, dabei sind wir beide Träger dieser Gene.» Zwei der kranken Söhne überlebten, konnten aber keine Schule besuchen und werden bis ins Erwachsenenalter vom Caritas Baby Hospital betreut. Der spitaleigene Sozialdienst unterstützte die Mutter darin, entgegen der etablierten Konventionen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie baute Gemüse an und verkaufte es auf dem lokalen Markt. Von diesem Ertrag, ungefähr 300 Franken pro Monat, kann sie leben. Dank der Unterstützung des Sozialdienstes und ihres erworbenen Wissens rund um die Stoffwechselkrankheit konnte sie durchsetzen, dass ihre beiden gesunden Kinder ausserhalb der Familie heiraten – entgegen dem Willen ihres Ex-Mannes und entgegen der Tradition. Nun hat Aliah ihre ersten Enkelkinder erhalten und alle sind gesund. «Ohne die Hilfe des Caritas Baby Hospitals hätten wir nicht überlebt», stellt die alleinerziehende Mutter dankbar fest. 

Der Verein Kinderhilfe Bethlehem mit Sitz in Luzern finanziert und betreibt das Caritas Baby Hospital in Bethlehem im Westjordanland mit Spendengeldern. 50 000 Kinder und Babys werden dort jährlich stationär oder ambulant betreut. Alle Kinder erhalten Hilfe, unabhängig von ihrer Herkunft und Religion. Das Behandlungskonzept bindet die Eltern eng in den Heilungsprozess ihrer Kinder mit ein und das Spital verfügt über einen gut ausgebauten Sozialdienst. Mit 250 lokalen Mitarbeitenden ist das Caritas Baby Hospital ein bedeutender Arbeitgeber in der Region. Das Spital stärkt das palästinensische Gesundheitswesen und ist führend bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegenden in der Kindermedizin.
www.kinderhilfe-bethlehem.ch