Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

Jugend

In die Welt geworfen

von Céline Hoog

Paris ist ein Fest fürs Leben – so betitelt Ernest Hemingway seine autobiogra­fische Schrift, in der er sein Leben in Paris in den 1920er-Jahren beschreibt. Seine Schrift ist ein Loblied an die Stadt der Lichter,  Paris ist eben nicht nur eine Stadt – Paris ist ein Lebensgefühl. Ungefähr 100 Jahre früher beschreibt der französische Schriftsteller Balzac Paris als einen veritablen Ozean, den man aus­loten und bemessen kann, so viel man will, und dennoch wird es unmöglich sein, jemals herauszufinden, wie tief er ist.

Irgendwo zwischen den grossen Erwartungen an die Einzigartigkeit dieses Festes und dem gleichzeitigen Respekt vor einem riesigen unbekannten Ozean, befinde ich mich, als ich nach fünf Semestern Philosophiestudium einen Schritt in eine neue Richtung mache: ein Austauschsemester an der Universität Sorbonne in Paris. Es sind die Namen der grossen Philosophen und Philosophinnen – Sartre, Beauvoir, Foucault, Deleuze – die mich an eine der ältesten Universitäten Europas locken. Doch in einer Metropole in einem anderen Land nicht nur zu studieren, sondern auch zu leben, gleicht tatsächlich erst mal einem tiefen Ozean. Lernt man nicht zwischen administrativer Hilflosigkeit und französischer bürokratischer Anarchie zu schwimmen, droht man schnell zu ver­sinken. Unbekannte Menschen, unbekannte Orte – als erstes muss man lernen, Fremder zu sein.  

Doch sogleich erinnert mich dieses Lebens­gefühl an Sartre, der mich so oft in Gedanken begleitet: Als ein winziger Punkt in einer Stadt zwischen Millionen
ist der Mensch zunächst in die Welt ­geworfen. Als in die Welt Geworfener definiert er sich selbst durch die Entscheidungen, die er trifft und die Handlungen, die er vollzieht. Der Mensch existiert zuerst, und erst ­danach ergibt sich ein Sinn. Für mich ist Paris dieses existenzialistische Lebensgefühl: die hilflose Art, in die Welt geworfen zu sein, und die gleichzeitig grenzenlose Freiheit, die damit einhergeht, sich selbst zu definieren.