Aktuelle Nummer 11 | 2020
24. Mai 2020 bis 06. Juni 2020

Editorial

Interesse

Das Coronavirus dominiert nach wie vor den Lebens­alltag. Kaum ein Gespräch, das nicht früher oder später bei den gesundheitlichen Gefahren, den sozialen Einschränkungen oder den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie landet. Alle beteiligen sich, haben etwas zu erzählen, haben eine Meinung dazu. Es wird um Sachverhalte gestritten, persönliche Erlebnisse werden allgemeinen Fakten und Statistiken gegenübergestellt, Sichtweisen und Positionen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Und doch bleibt Corona das gemeinsame und verbindende Thema.  

Es liegt wohl am gemeinsamen Interesse dafür. ­«Inter­-esse» heisst «dazwischen sein». Jede und jeder sieht sich irgendwie dazwischen, ist mitbetroffen und steht zwischen all den Positionen, sucht Orientierung, wie er oder sie sich zu all dem verhalten soll. Was stimmt jetzt? Wem soll ich vertrauen? Was soll ich tun? Im Dazwischen-Sein nehmen wir die Stimmungen wahr, entwickeln Sympathie oder doch Respekt, Angst oder Zuversicht, Faszination oder Abgrenzung. Selbst in uns selbst gibt es verschiedene Stimmen. Das eigene «Interesse» ist widersprüchlich, mehrstimmig, viel­fältig. Mit «Interesse» versuchen Menschen Zusammenhänge zu verstehen, zwischen sich und anderen ­Menschen, zwischen sich und den Dingen und Sach­verhalten, zwischen sich und der inneren Mehrdeutigkeit. «Interesse» ist eine Kraft, die Beziehung schafft und das Menschsein in einen grösseren Zusammenhang stellt. «Interesse» macht lebendig und hilft, Differenzen, Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten auszu­halten. Sich füreinander zu interessieren ist so etwas wie eine neue Ausdrucksweise für etwas, das für Christinnen und Christen zur Nächstenliebe gehört. Sie wird sichtbar, wenn es gelingt, wohlwollendes «Interesse» für sich selbst, für andere Menschen, für die Probleme der Welt und die Frage nach Gott zu wecken. Es gilt sich weniger einer Position zu verschreiben, als sich im Dazwischen-Sein ernst zu nehmen; «interessiert sein» eben. Auch wenn wir Distanz zuei­nander einhalten müssen, können wir uns doch fürei­nander interessieren. 

Ich wünsche Ihnen vielfältige Interessen in den gegenwärtig so besonderen Zeiten.

Kuno Schmid