Aktuelle Nummer 13 | 14 | 2020
21. Juni 2020 bis 18. Juli 2020

Schwerpunkt

Von Kopf bis Fuss

von Kuno Schmid

Menschen nehmen die soziale und natürliche Umgebung mit ihren körperlichen Sinnen wahr und drücken ihre Empfindungen wiederum mit ihrem Körper aus, beispielsweise mit Stirnrunzeln oder mit einem Lächeln. Über den Körper, quasi von Kopf bis Fuss, gestalten sie ihre Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen, im Wechselspiel von Nähe und Distanz. Kann dies auch für eine Beziehung zu Gott gelten?

Wenn sich Menschen um ihren Körper kümmern, steht die Sorge um die Gesundheit an erster Stelle. Das körperliche Heil ist eine zentreale Lebensvoraussetzung. Das wird uns gerade aktuell durch Bedrohungen der Corona-Epidemie bewusst. Die Schweiz kennt zwar ein verlässliches und sehr gut funktionierendes Gesundheitswesen. Doch es hat Grenzen und ist teuer. Es ersetzt nicht das Bemühen, auf die eigene Gesundheit achtzugeben, Kranke und ­Verletzte zu betreuen und auf Ältere und Schwache Rücksicht zu nehmen, sie insbesondere vor Ansteckung zu schützen. Der Wunsch für gute Gesundheit bleibt deshalb zentral und steht auf fast jeder Gratulationskarte.

Körperkult
Doch wer gesund ist, denkt oft weniger an seinen Körper. Er funktioniert einfach. Wenn der Körper betrachtet wird, dann geht es eher um das Aussehen, die Wirkung, die Schönheit. Ein sportlicher und eleganter Körper gilt als ideal. Über soziale Medien werden Vergleiche angestellt, und man folgt entsprechenden Social-Influencern. Nie sind Menschen so sportlich gewesen wie heute und haben so viel Zeit in Trainings und Fitnessstudios verbracht. Griechischen Statuen gleich versuchen viele, ihre Körper zu formen. Ergänzungsnahrung und gezielter Muskelaufbau helfen, definierte Körperpartien zu entwickeln. Auch der Markt für Schlankheitskuren oder für ästhetische Chirurgie floriert. Es scheint, dass für manche der Körper eine kleiderähnliche Hülle ist, die sich nach den Anforderungen der Mode gestalten lässt. Dazu kommt eine passende Frisur, vielleicht ein Piercing oder ein Tattoo, damit man dazu gehört. Das körperliche Erscheinungsbild wird zur eigenen Identität und schafft Anerkennung in der Gruppe und in der Öffentlichkeit.

Körper als Hülle
Die Überhöhung des Körpers in der säkularisierten Gesellschaft ist wie ein komplementäres Gegenmodell zur körperfeindlichen Haltung in manchen religiösen Traditionen. Auch bei ihnen gilt der Körper bloss als Hülle, als Schale, als Gefängnis oder bestenfalls als Tempel. Er ist etwas Äusseres, das Eigentliche, der Geist oder die Seele, ist drinnen. Dieser äusseren, sterblichen Hülle wird wenig Wert beigemessen. Sie hat dem Inneren zu dienen. Wegen seiner Bedürfnisse und Lüsten ist der Körper und ­seine Sinnlichkeit für manche kein verlässlicher Diener. Vielmehr gefährdet er ihre hohen geistigen Ideale. Mit frommen Übungen, mit Askese oder Meditation soll die Körpergebundenheit deshalb überwunden werden. Auch das Christentum ist in diese körperfeindliche Haltung hineingeraten, indem es der spätantiken, «heidnischen» Trennung von Körper und Seele viel Gewicht beigemessen und sie in seine Theologie integriert hat. Der Körper ist zum minderwertigen Ort der Schwäche, der Sünde, der Unreinheit geworden. Lebensziel ist es, die Seele zu retten. In der Neuzeit hat sich die Sichtweise noch zugespitzt, indem die Trennung von Körper und Seele auf die Unterscheidung der Geschlechter angewendet worden ist und die Überlegenheit des Mannes begründet hat: Die Frauen seien ganz in der Körperlichkeit gefangen, während sich die Männer kraft ihres Verstandes daraus befreien können. Körperfeindliche Muster durchdringen kirchliche Lehren bis in die Gegenwart, nicht nur in der rigiden Sexualmoral, sondern auch in der Beschreibung von Frauen oder den Vorstellungen über priesterliche Ideale.

Körper als Schöpfung Gottes
Die Bibel setzt die Akzente anders. Der von Gott belebte menschliche Körper ist der ganze Mensch, der Beziehungen zu anderen Menschen und zu sich selbst, zur Welt und zu Gott gestalten kann. Der Körper ist nicht bloss Verpackung, sondern selbst der Ort der Glaubens- und Lebenserfahrung, der Menschwerdung. Die deutsche Sprache versucht, dies mit dem Begriff «Leib» besser verständlich zu machen. Der Leib ist der Körper voller Leben, voller Beziehungen, voller eigener Lebensgeschichte, voller gottgeschenkter Lebenskraft. Jesus geht es immer wieder um dieses Menschsein in gelingenden, leibhaften Beziehungen. Wenn er beispielsweise der Frau mit dem gekrümmten Rücken begegnet, sagt es nicht: Es ist nicht so schlimm, du hast dafür eine reine Seele. Nein, er ruft sie, berührt sie, richtet sie auf, stärkt ihr Selbstbewusstsein, führt sie in die Mitte der Gemeinschaft zurück und lässt sie Gott loben. Die leibliche Heilung der Frau wird zum Zeichen des göttlichen Heils für die Menschen. Ebenso deutlich wird dies in der Fusswaschung. Nicht Worte oder Innerlichkeit schaffen die Abendmahlsgemeinschaft mit Jesus, sondern die leibliche Pflege der müden Füsse.

Körper im Glauben integriert
Der Körper ist also aus biblischer Sicht nicht ein religiöses Hindernis, sondern der Ausgangspunkt für gläubige Beziehungen. Deshalb ist es gut, wenn religiöse Praxis auch körperlich erfahrbar wird. Muslime zum Beispiel machen mit der Waschung ihren Körper sauber und schön für das Gebet. Sie reinigen besonders ihre Sinne, um offen zu werden für das Wort Gottes. Bei den Katholiken hat dieses Anfangsritual einen ähnlichen Sinngehalt, ist aber reduziert auf das kurze Bekreuzigen mit Weihwasser (oder zurzeit auch ohne). Als Symbol der Reinigung erinnert es an die Taufe. Solche Wasserrituale kennen auch andere Religionen. Wie die Fusswaschung dienen sie dazu, den Körper wieder für das Leben und die Beziehungen fit zu machen. Es gibt noch viele andere Gestaltungsformen wie das Anzünden einer Kerze, Gebetshaltungen, Musik und Tanz, die eine Beziehung zu Gott körperlich und ohne Worte ausdrücken. In normalen Jahren bieten die Karwochen- und Ostertage viele Möglichkeiten, um leiblich und sinnlich religiöse Feiern zu erleben. In diesem Jahr sind wir auf die Medien angewiesen (siehe Medientipp).

Die positive Wertung von Körper und leibhaften Beziehungen ermöglicht auch einen anderen Blick auf den modernen Körperkult. Das Engagement für einen gesunden und fitten Körper kann auch hier als Mittel zur Gestaltung von Beziehung verstanden werden. Mit dem Körper zu kommunizieren, mit dem Körper, mit Schmuck und Kleidung auszudrücken, wo man dazugehört, all das zeigt ebenso wie die religiösen ­Formen, wie tief und gewichtig die Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen zum Menschsein gehört.

Kalender der Religionen
Der Kalender 2020 steht unter dem Titel «Der Körper – Spiegel des Heiligen». In vielen Religionen gilt der Körper als ein wichtiger Träger der Beziehung der Gläubigen zum Göttlichen oder zum Absoluten. Das wird in diesem Kalender in Wort und Bild eindrücklich vor Augen geführt. Der Kalender listet die wichtigsten Feiertage der verschiedenen Religionen und Traditionen auf.

www.iras-cotis.ch/kalender-der-religionen

DER KOERPER SPIEGEL DES HEILIGEN