Aktuelle Nummer 13 | 14 | 2020
21. Juni 2020 bis 18. Juli 2020

Schwerpunkt

Für die Menschen der Region

von Emil Inauen und Regina Zürcher, Caritas Solothurn

Plötzlich war das Wartezimmer leer, und es klingelte auch niemand mehr an der Tür. Der Corona-Schock liess die Menschen zu Hause bleiben. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer. Die Probleme der Menschen verschwinden nicht einfach über Nacht. Im Gegenteil, viele neue ­kommen hinzu. So herrscht heute wieder Hochbetrieb in den Räumen der Ökumenischen Kirchlichen Sozialberatung der Caritas in Solothurn und Grenchen (KSB). Regina Zürcher, die Standortleiterin der KSB, gibt Einblick in ihren Beratungsalltag. 

Es ist 11.30 Uhr am Freitagmittag. Gerade hat der letzte Besucher der Passantenhilfe die Räume der KSB in Solothurn verlassen. Regina Zürcher sitzt am Pult und beginnt Geschichten von Hilfesuchenden zu erzählen, beispielsweise von der Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie ist Service-Angestellte, die auf Abruf arbeitet. Zuerst hiess es, Kurzarbeit könne bei Arbeit auf Abruf nicht angemeldet werden. Das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) aber hielt die Frau für nicht vermittelbar und anspruchsberechtigt, da sie ja noch in Anstellung war. Die KSB konnte die Missverständnisse klären, und der Arbeitgeber hat unterdessen Kurzarbeit beantragt. Mit Lebensmittelgutscheinen leistete die KSB eine Überbrückungshilfe, die in der kleinen Familie für ein wenig Entspannung sorgt. Regina Zürcher erzählt weiter vom jungen Mann aus Äthiopien, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt. Bis vor Kurzem war er vollzeitlich als Hilfsarbeiter tätig. Er ist unabhängig von der Sozialhilfe, spricht mittlerweile gutes Deutsch und ist beruflich wie sozial gut integriert. Nun ist der Wegweisungsentscheid eingetroffen, doch infolge Corona kann er das Land nicht verlassen. Aber arbeiten darf er auch nicht mehr. Ein Härtefallgesuch ist noch hängig. Der Mann war froh, in der Beratung zu erfahren, dass er immerhin Anspruch auf neun Franken Nothilfe täglich hat. Oder da sind die Menschen, die durch die coronabedingte Schliessung der Angebote wie «Restessbar» oder «Tischlein deck dich» auf die Passantenhilfe angewiesen sind. 

Viele Menschen haben durch die Corona-­Krise zum ersten Mal den Weg zur Kirchlichen Sozialberatung gefunden. Armut ist aber durchaus nicht das einzige Thema hier. Die KSB ist breit aufgestellt. Oft sind die Menschen auch mit bürokratischen Hürden überfordert, haben eine Lebenskrise oder familiäre Probleme zu bewältigen. Die KSB ist manchmal erste Anlaufstelle, wenn die Menschen nicht wissen, wohin sie sich wenden können. Oder es ist die letzte Stelle, wenn sie einfach nicht mehr weiterkommen und sich schon viele Türen vor ihnen verschlossen haben.

Einfach ein offenes Ohr
«Einfach ein offenes Ohr. Das bekommt man bei uns», ist Regina Zürcher überzeugt. Zuhören, «büschelen», priorisieren, reflektieren und dann natürlich Massnahmen einleiten oder aufzeigen, wer zuständig ist und wer helfen kann, das sind die Hauptaufgaben während einer Beratung. Auf der KSB gibt es kein «wir sind nicht zuständig». Der einfache, niederschwellige Zugang ist wichtig. Menschen mit Beratungsbedarf können ohne Termin zu den Schalteröffnungszeiten vorbeikommen oder telefonisch eine Nachricht hinterlassen, damit zurückgerufen wird. Vielleicht spielt auch das Kirchliche in Verbindung mit der Caritas eine Rolle. Auf jeden Fall fällt es vielen Menschen einfacher, hier anzuklopfen, als die Türschwelle einer Behörde zu übertreten. Als grossen Gewinn sieht Regina Zürcher die Neutralität der KSB. Sie kann in eine Vermittlerrolle schlüpfen, wenn mit einer Behörde oder einem Beistand nicht alles klappt oder Missverständnisse im Raum stehen. Mit guter Vernetzung kann häufig eine versperrte Türe wieder geöffnet werden.

Was gefällt Regina Zürcher an dieser Aufgabe? «Die Arbeit ist enorm abwechslungsreich. Man weiss nie, was ein Tag bringt.» Die Ethnologin mag es, in die Lebensgeschichten der Menschen einzutauchen. Die sind oft sehr komplex und vielschichtig. Und da sind der persönliche Kontakt und das Vertrauen wichtige Grundlagen für eine gute Beratung. Sie freut sich denn auch, anstelle von coronabedingt telefonischen Beratungen wieder vermehrt persönliche Gespräche vor Ort zu führen. Schwierig zu ertragen ist die Enttäuschung der Klienten, wenn auch die KSB nicht helfen kann und an ihre Grenzen stösst, z. B. wenn die Voraussetzungen für eine Familienzusammenführung nicht gegeben sind und die Mutter um ihre zurückgelassenen Kinder weint. Manche Schicksalsschläge lassen die Stellenleiterin auch nach getaner Arbeit nicht in Ruhe. Ein Spaziergang in der Natur oder der turbulente Familienalltag zu Hause hilft dann beim Abschalten und Verarbeiten.

Diakonisches Engagement
Der Bedarf an der Kirchlichen Sozialberatung ist und bleibt gross, im Jahr 2019 wurden 114 Klienten oder Familien länger betreut. Dazu kommen 172 Kurzberatungen und 140 Menschen, welche die ­Passantenhilfe besuchen. Zusammen mit einer Ausbildungspraktikantin kann Regina Zürcher den Andrang gerade so bewältigen.

Die KSB Solothurn-Grenchen hat sich als wichtiges Standbein in der diakonischen Arbeit der Pfarreien und Kirchgemeinden etabliert. Der Kontakt zu den Seelsorgerinnen und Seelsorgern ist gut. Viele wissen unterdessen um die Möglichkeit, Menschen in Not an die KSB zu triagieren oder einfach anzurufen, wenn eine sozialarbeiterische Frage auftaucht. Doch ­obwohl die Beratungsstelle sehr schlank daherkommt, steht die Finanzierung auf wackeligen Beinen. Immerhin bewegt sich die KSB auf ein ausgeglichenes Budget zu. Neben der röm.-­kath. Synode und der ref. Bezirkssynode Solothurn können immer mehr Kirchgemeinden als Träger gewonnen werden. Zusätzlich zu den langjährigen Partnern Solothurn, Grenchen, Bettlach und Luterbach gehören neu auch die Kirchgemeinden Subingen, ­Bellach, St. Niklaus, Flumenthal-Hubersdorf und Zuchwil dazu. Und auch das Seraphische Liebes­werk Solothurn ist eine grosse Unterstützerin. 

Regina Zürcher ist überzeugt, dass die Unterstützung sinnvoll angelegt ist. Vielen Menschen, die bei einer Landeskirche dabei sind, ist es wichtig, dass die Kirche Gutes tut. Und genau dafür möchte die Kirchliche Sozialberatung von Caritas Solothurn stehen. «Wir hoffen daher, weitere Träger und Unterstützer zu gewinnen, um unserem Diakonischen Auftrag auch in den nächsten Jahren nachgehen zu können.» 

Unterstützung durch die ­Glückskette
Zurück zu den Corona-Geschichten. Sind genügend Mittel vorhanden, um zu helfen? Im Vordergrund stehen nach wie vor die Beratungen. Doch zurzeit ist die Kirchliche Sozialberatung auch für Nothilfe gerüstet. Caritas Schweiz und die Glückskette stellen den regionalen Caritas-Organisationen Spendengelder zur Verfügung, um unkompliziert und regional zu helfen. Betroffene Personen, die am Existenzminimum leben, können von Gutscheinen profitieren, und wo Verschuldungen abgewendet werden können, übernimmt die KSB auch einmalig Rechnungen. Damit die anderen Kantonsteile ebenfalls profitieren können, wurde eine Zusammenarbeit mit den Diakonischen Fachstellen im Niederamt und in Olten ins Leben gerufen. Diese Partnerschaft mit Cornelia Sommer und Eva Wegmüller funktioniert gut und ermöglicht einen fachlichen Austausch.  

Sozialberatung in Solothurn
Niklaus-Konradstrasse 18, 4500 Solothurn
Offene Sprechstunde 
Di. 10.00–11.30 Uhr, Do. 15.00–17.00 Uhr
Administrative Unterstützung 
Do. 16.00–18.00 Uhr 
Passantenhilfe 
Fr. 10.00–11.00 Uhr

Sozialberatung in Grenchen
Kirchstrasse 11, 2540 Grenchen
Termine nach Absprache jeweils Freitagnachmittag

Ansprechperson: Regina Zürcher
Telefon direkt: 032 623 08 91
sozialberatung@caritas-solothurn.ch
www.caritas-solothurn.ch 

Spendenkonto: PC 60-538266-5