Aktuelle Nummer 14 | 15 | 2021
04. Juli 2021 bis 31. Juli 2021

Editorial

Sitzen bleiben oder weiterkommen

Der Abschluss des Schuljahrs steht bevor. Kinder und Jugendliche erhalten Zeugnisse, die ihre Leistungen im vergangenen Schul- oder Lehrjahr zum Ausdruck bringen. Es ist eine Standortbestimmung, die für manche mit der Frage verbunden ist: Komme ich weiter, oder bleibe ich sitzen? Und wenn ich weiterkomme – was wird die nächste Stufe mit sich bringen? Jeder Lebensweg ist viel komplexer und reichhaltiger, als dass er mit Zeugnissen und Noten erfasst werden könnte. Aber doch entscheiden solche formalisierten Ausweise über zukünftige Chancen und Möglichkeiten. 

Mit dem synodalen Weg unterzieht Papst Franziskus die gesamte Weltkirche einer ähnlichen Standortbestimmung. Auch hier steht die Frage im Raum: Sitzen bleiben oder weiterkommen. Es gibt starke Kräfte, die sich weltweit für das Sitzenbleiben stark machen. Es soll alles bleiben wie es ist. Doch angesichts von Missbrauchsskandal und Austrittswellen sollte ein Ruck durch die Kirche gehen. Es braucht Veränderungen, aber welche? Die Herausforderungen sind weltweit sehr unterschiedlich. Persönliche Zeugnisse und Missionierung gehen im Süden leicht über die Lippen. Aber in Mitteleuropa schaffen solche Begriffe eher Irritationen. Hier möchte man den christlichen Glauben für heutige Menschen anschlussfähig machen und den Frauen zu ihrem Recht verhelfen. In Nordamerika scheint das Abtreibungsverbot die zentrale Glaubensfrage zu sein. An der Amazonassynode haben lateinamerikanische Bistümer Modelle für ein neues Gemeinde- und Amtsverständnis erarbeitet und vorgelegt. Viele ihrer Vorschläge sind jedoch in Rom «sitzen geblieben». 

Allerdings: sitzen bleiben oder weiterkommen ist in der zeitgemässen Schule nicht mehr die Alternative. In heterogenen Klassen werden heute Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten zu einer Gemeinschaft zusammengeführt. Alle kommen weiter, niemand soll ausgegrenzt werden. Unterschiedliche Lernwege erschliessen ihnen je eigene Zukunfts­chancen. Auch die Kirche braucht unterschiedliche Lösungswege für die verschiedenen Kulturräume und Lebensrealitäten. Der synodale Weg kann vielleicht zu einer solchen Kirche der Vielfalt beitragen. 

Ich wünsche Ihnen schöne Sommertage unterwegs oder beschaulich auf einer Sitzbank.

Kuno Schmid