Aktuelle Nummer 19 | 2021
12. September 2021 bis 25. September 2021

Innehalten

Gott ist nicht Stimmungssache

Wir sagen, Religion sei Stimmungssache, man müsse ­warten, bis es einen überkäme; und dann warten wir und warten oft jahrelang, vielleicht bis zu unserem Lebensende, bis wir wieder einmal Stimmung haben, religiös zu sein. Dahinter verbirgt sich eine grosse Täuschung. Gut, lasst die Religion Stimmungssache sein, aber Gott ist doch nicht Stimmungssache, ist doch wohl auch da, wenn wir keine Stimmung haben, mit ihm zusammenzustossen. Beunruhigt uns denn der Gedanke gar nicht? Wer sich auf seine Stimmungen verlassen will, der verarmt. In der Religion gibt es, wie in der Kunst und Wissenschaft, neben den Zeiten der Hochspannung Zeit der nüchternen Arbeit und Übung. Der Verkehr mit Gott muss geübt werden, sonst finden wir nicht den rechten Ton, das rechte Wort, die rechte Sprache, wenn er uns überrascht. Wir müssen die Sprache Gottes lernen, mühsam lernen, müssen arbeiten daran, dass auch wir zu ihm reden können; auch das Gebet muss geübt werden, in ernster Arbeit. Ein schwerer, verhängnisvoller Irrtum ist es, wenn man Religion mit Gefühlsduselei verwechselt.

Religion ist Arbeit, und vielleicht die schwerste und gewiss die heiligste Arbeit, die ein Mensch tun kann. Es ist jämmerlich, sich zufriedenzugeben mit den Worten, ich bin nicht religiös veranlagt, – wenn es doch einen Gott gibt, der uns haben will.

 

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)

Barcelona, Berlin, Amerika 1928–1931, Werke Band 10.