Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Schwerpunkt

Singe, wem Gesang gegeben

von Thomas A. Friedrich

«Singe, wem Gesang gegeben … Das ist Freude, das ist Leben, wenn‘s von allen Zweigen schallt.» So dichtete Ludwig Uhland 1813 und hätte sich wohl niemals vorstellen können, dass der Gesang ­einmal quasi weltweit verboten werden würde! Trauriger Hintergrund ist die Tatsache, dass der ­öffentliche Gesang, insbesondere das Singen in Gemeinschaft, immer noch verboten ist. Wenn man nun dieser pandemiebedingten Stigmatisierung des Singens etwas Gutes abgewinnen will, so ist es dies: Nach wie vor ist es Solistinnen und Solisten erlaubt, in der Liturgie zu singen. Dadurch rückt das Amt des Kantors, der Kantorin ins Scheinwerferlicht.

Kantor kommt vom lateinischen «cantare» und bedeutet «singen», canto heisst: ich singe. Das II. Vatikanische Konzil verlieh dem Kantorenamt eine bedeutende Stellung im Gottesdienst und die kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten setzen sich seit über fünfzig Jahren für die Etablierung dieses liturgischen Amtes ein. Ebenso selbstverständlich, wie in jedem Sonntagsgottesdienst Ministranten*innen, Lektor*innen und Kommunionhelfer*innen aus den Reihen der Gemeinde eingesetzt werden, sollten auch Kantoren*innen mitwirken. Doch die Vorsängerinnen und Vorsänger gibt es nicht überall. Das hat viele Gründe. Oft scheitert es am Personal, an der Ausbildung oder am Geld. Das Singverbot zeigt uns nun deutlich: das Fehlen des Kantorenamtes ist ein Mangel und war es schon immer, auch wenn es uns jetzt erst so richtig bewusst wird.

Karwoche und Ostern ohne musikalisch-emotionalen Mangel
Wenn wichtige Texte im Gottesdienst nicht gesungen werden können, müssen sie gesprochen werden. Prominentestes Beispiel ist das Sanctus, das als Teil des Hochgebets nicht wegfallen darf. Viele Präfationen leiten das Sanctus mit folgenden oder ähnlichen Worten ein: «Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.» Sehr eigentümlich ist es, wenn wir nun, anstatt in ein festliches Sanctus einzustimmen, ein halblautes «Heilig, heilig, heilig» hinter unseren Masken mit murmeln. Vom Sinne der Liturgie her eine geradezu groteske Situation! Mit gut ausgebildeten Kantorinnen und Kantoren können wir solche Situationen vermeiden, indem sie stellvertretend für die Gemeinde den entsprechenden Texten ein würdiges und festliches musikalisches Gewand geben – begleitet vom Kirchenmusiker oder von der Kirchenmusikerin der Gemeinde. Mit Kantorinnen oder Kantoren können wir somit ansprechende Liturgien in der Karwoche und an Ostern gestalten, deren einziger Mangel es sein wird, dass die Gemeinde sich selbst nicht singend (evtl. aber summend) beteiligen, dafür aber umso mehr hörend und emotional Anteil nehmen darf. 

Wie wäre es also, wenn

  • an Karfreitag, wo ohnehin die Orgel schweigen soll, die Passionserzählung von einem Solisten oder einer Solistin gesungen wird, die wörtlichen Reden aber auf verschiedenen Sprechrollen des Liturgieteams verteilt werden? (a cappella Passionen gibt es zuhauf)
  • an Karfreitag ein Streichquartett anstelle der «verbotenen Orgel» die Begleitsätze zu den Gemeindeliedern spielt und der Kantor oder die Kantorin stellvertretend solistisch dazu singt?
  • in der Osternacht eine Cellistin oder ein Cellist und eine Kantorin oder ein Kantor ein Duett bilden, damit das Exsultet1, das Halleluja und alle anderen relevanten Gesänge von diesen beiden gestaltet werden im Sinne einer «Melody on a ground – Melodie über einem Bass»?
  • am Ostersonntag die traditionelle Orchestermesse stattfindet, der Chorpart aber von vier professionellen Solistinnen und Solisten sowie der Gemeindepart von einer Kantorin oder einem Kantor gesungen wird?

Der Fantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Cantars 2021 – Fest der ­Kirchenmusik
Wann Kirchenchöre wieder in voll besetzten Kirchen singen dürfen, weiss zu diesem Zeitpunkt noch niemand, aber bereits zeichnen sich erste Lockerungen ab, und Dank der Impfungen gibt es Licht am Ende des Tunnels. Das schweizweite Fest der Kirchenmusik, «cantars 2021», das in den nächsten Monaten hätte stattfinden sollen, wurde nicht komplett abgesagt. Es findet nun in gewandeltem Modus statt, und die einzelnen Anlässe können noch bis Ende 2022 nachgeholt werden. Herrliberg wagt am 17. April den Anfang, allerdings noch ohne Chorbeiträge. Was wann und wo geplant ist, kann auf der Homepage von cantars eingesehen werden: www.cantars.org.  

Vorsängerausbildung in und nach Corona-Zeiten
Die Fachstelle Kirchenmusik für den Kanton Solothurn bietet seit vielen Jahren Kurse für Kantorinnen und Kantoren an und wird diese Tradition 2021 verstärkt fortsetzen, zunächst mit Schnupperkursen in verschiedenen Pastoralräumen und Orten des Kantons. Später können Interessierte ein Upgrade machen und sich zu Kantoren und Kantorinnen mit Zertifikat ausbilden lassen. Es ist angedacht, dass auf diese Weise gut ausgebildete Kantorinnen und Kantoren für ihren Einsatz im Gottesdienst auch eine angemessene Vergütung bekommen. Dies wurde bereits vor dreissig Jahren von der römisch-katholischen Synode des Kantons Solothurn empfohlen und sogar eine Entlöhnung festgelegt.

Wer kann teilnehmen?
Gesangserfahrungen und Notenkenntnisse sind zwar von Vorteil, aber keine Grund­voraussetzung. Es kann auch jemand teilnehmen, der in keinem Chor singt oder nicht Noten lesen kann. Wer gerne und gut singt und sich vorstellen kann, einmal alleine vor anderen Menschen zu singen, der ist in einem Kantoren-Schnupperkurs herzlich willkommen! Und wer Zweifel hinsichtlich seiner stimmlichen Eignung hat, dem dient ein solcher Einsteigerkurs dazu, seine eigenen Möglichkeiten und Befähigungen kennenzulernen und zu testen. 

Inhalte eines Schnupperkurses 
Die Schnupperkurse geben einen Einblick in die Praxis des liturgischen Vorsängerdienstes (Kantorenamtes), in die Grundlagen des Singens und in die Grundsätze der Gottesdienstgestaltung. Es wird erläutert, wie ein Gottesdienst aufgebaut ist, was die einzelnen Elemente bedeuten und wie sie sinnvoll musikalisch gestaltet werden können. Ein grosser Anteil des Kurses widmet sich dem aktiven Erproben der eigenen Stimme am Beispiel diverser Kantorengesänge. Damit verbunden ist auch ein Exkurs zu den Regeln der hochdeutschen Aussprache, da ja beim Singen die Sprache sehr bewusst eingesetzt wird. Eine besondere Herausforderung ist für die meisten Teilnehmenden erfahrungsgemäss die Beschäftigung mit den Psalm–tönen und der Praxis des Psalmodierens, was aber auch stets für viel Heiterkeit im Kurs sorgt.

Orte, Daten und Anmeldung zu den Kursen siehe unter www.bildung-so.ch   

1) Eine für diese Besetzung eigens entstandene Komposition des Autors zum Exsultet-Text von Silja Walter kann über die Fachstelle Kirchenmusik angefordert werden.

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Thomas A. Friedrich studierte Kirchenmusik in Rottenburg und Köln. Als Kirchenmusiker und Komponist wirkt er seit 1996 in Rohrdorf (AG). Er ist Dozent bei den Solothurner Kirchenmusikwochen und als Fachperson in verschiedenen kirchenmusikalischen Organisationen des Bistums Basel und der Deutschschweiz tätig. Von 2008–2014 leitete er den Schweizer Gospelchor, dessen Mitgründer er ist. Als Komponist ist er freischaffend tätig und konnte schon einige Preise gewinnen. Seit 2016 ist er Leiter der Fachstelle Kirchenmusik Kanton Solothurn.
www.kirchenmusik-solothurn.ch