Aktuelle Nummer 25 | 2022
04. Dezember 2022 bis 17. Dezember 2022

Editorial

Seminar

Das Seminar – in Solothurn war es über Jahrzehnte der Ort für die Ausbildung von Lehrpersonen an der Oberen Sternengasse. Vom Wortsinn her ist ein Seminar ein Pflanzbeet, ein geschützter Raum für die Aufzucht von Setzlingen oder Bäumchen. Dieses Bild wurde auf die Ausbildung von Lehrpersonen übertragen. Junge Leute wurden in einem abgeschirmten Rahmen geformt, weltanschaulich geprägt und kulturell gebildet. Auf diese Weise diente das Seminar ursprünglich der Auslese und Förderung von zukünftigen Lehrpersonen für einen lebenslangen Schuldienst. Kritiker nannten dies Indoktrination und forderten schon früh Öffnungen. Diese erfolgten durch Seminarreformen und letztlich durch die Überführung in die Pädagogische Hochschule. Die PH-Studierenden bringen heute unterschiedliche Vorbildungen und Lebenserfahrungen mit. Sie bilden die Vielfalt der modernen Gesellschaft ab. Die Kontrolle der Einstellungen liegt nicht mehr bei den Studienleitungen. Um eine pädagogische Haltung muss immer neu gerungen werden und viele verlassen den Schuldienst nach wenigen Jahren wieder, um sich weiterzuentwickeln. Seminare sind jetzt dialogische Lehrveranstaltungen innerhalb des Hochschulbetriebs. Es ist ein Wandel mit Licht- und Schattenseiten, welcher die Lehrpersonenbildung in die gesellschaftliche Dynamik zurückgeholt und wieder attraktiv gemacht hat. 

Das Theologie- und Religionspädagogikstudium findet ebenfalls nicht mehr im Priesterseminar, sondern in einem offenen wissenschaftlichen Hochschulbetrieb statt. Für die spätere Zulassung zum kirchlichen Dienst setzt die Kirche aber weiterhin auf seminaristische Formen. Weil an Seelsorgerinnen und Seelsorger hohe charakterliche Ansprüche gestellt werden, sind Einstellungen, Spiritualität, Loyalität und Lebensform wichtig für die Auslese. Erwartet werden immer noch lebenslange Entscheide, nicht dynamische Lebensentwürfe. Diese Ansprüche werden manchen zu Stolpersteinen. Auch Studierende, die ihren Lebensunterhalt nebenbei verdienen, Quereinsteigende mit anderen Berufs- und Lebenserfahrungen oder Studierende mit nicht theologischen Nebenfächern stossen nicht auf eine Willkommenskultur. Die Orientierung an einem herkömmlichen, seminaristischen Ideal läuft Gefahr, vielfältige Berufungen der Gegenwart zu übersehen. 

Ich wünsche Ihnen viel Freude an den bunt spriessenden Pflanzen im Garten oder in der freien Natur.

Kuno Schmid