Schwerpunkt

Zukunftsstadt Paradisos

von Kuno Schmid

Jungwacht Blauring, die Jubla, zählt heute zusammen mit der Pfadi-Bewegung zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendorganisationen unseres Landes. Im Kanton Solothurn gehören in 26 Scharen über 1500 Kinder und Jugendliche dazu. Die Jahre mit sogenannten Schnapszahlen werden von der Jubla des Kantons Solothurn regelmässig zum Anlass genommen, um eine kantonale Gross­veranstaltung zu organisieren. 2022 ist es wieder soweit. Über Pfingsten findet das Paradisos unter dem Motto «­Zukunftsstadt» in Niedergösgen statt. 

Hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem ganzen Kanton werden in Niedergösgen erwartet. Zusammen werden sie ein Wochenende verbringen, welches ganz im Zeichen von Jungwacht Blauring (Jubla) steht. Sie werden während drei Tagen vom 4. bis 6. Juni Gemeinschaft erleben im Tanzen und Singen, in Spiel und Sport, in kreativen Ateliers oder am Lagerfeuer. Eine Rahmengeschichte führt durch das Paradisos: Drei seltsame Gestalten streifen durch den Kanton Solothurn. Die Jubla muss sich auf den Weg machen, um sie zu finden. Sie erzählen davon, dass es jetzt die Chance zu ergreifen gilt, die Welt zu verändern, nicht nur die gegenwärtige, sondern auch die zukünftige Welt. Zusammen gilt es dann umzukehren, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten und eine Zukunftsstadt zu entwerfen.  

Profil der Jugendarbeit
Der Grossanlass soll den Kindern und Jugendlichen ein tolles Erlebnis ermöglichen und neue Inspirationen und Ideen ver­mitteln. Vielleicht entstehen daraus neue Freundschaften oder zumindest wird das gemeinsame Netzwerk über die eigene Schar hinaus erlebbar. Die jungen Menschen sollen angeleitet werden, dass auch sie sich für eine nachhaltige Zukunft engagieren und im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung übernehmen können. Auf diese Weise macht der Jugendverband Jubla wesentliche Merkmale seiner Zielsetzungen in der ­Jugendarbeit sichtbar. Die Jubla will den ­Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitgestaltung bieten, Gemeinschaft und Solidarität stärken und sie zu ehrenamtlichem Engagement ermutigen. Am Paradisos lassen sich die fünf Jubla-Grundsätze altersgerecht erleben: Zusammen sein, mitbestimmen, Glauben leben, kreativ sein, Natur erleben. 

Prägende Anlässe 
Das Paradisos ist seit vielen Jahren fester ­Bestandteil der Jubla Kanton Solothurn und hat die Jugendarbeit als Grossanlass geprägt. 1988 fand das erste Paradisos in Solothurn statt. Der Anlass entpuppte sich als voller Erfolg und die «Wunderstadt Paradisos» wurde schlussendlich mit über 1000 Kindern bevölkert. Elf Jahre später eröffnete der damalige Regierungsrat Walter Straumann die «Kinderstadt Paradisos» 1999. Diese fand auf dem Hornusserfeld in Olten statt, jedoch nicht mit minderem Erfolg. «Von der Kinderstadt zur Weltstadt» – unter diesem Motto startete das Paradisos 2011 in Zuchwil. Nach weiteren elf Jahren wird das diesjährige Paradisos unter dem Motto «Zukunftsstadt» neue Erinnerungen schaffen. Ein zwölfköpfiges OK unter der Leitung von Kim Herrmann aus Winznau kümmert sich um die ganze Infrastruktur und sorgt dafür, dass das Paradisos 2022 zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. 

Stetiges Neuwerden
«Es ist vielleicht ein Merkmal von Kinder- und Jugendverbänden, dass sie scheinbar nie älter werden. Immer wieder verändern sie sich, streifen alte Häute ab, sie leben in einem stetigen Neuwerden.» So formuliert es die Jubla-Kantonsleitung 1983 in der Festschrift zu 50 Jahren Jungwacht Blauring Kanton Solothurn, verfasst von Urban Fink. Das 50-Jahr-Jubiläum markierte eine besondere Etappe dieses Neuwerden. Im Jahrzehnt davor haben sich die Jugendverbände einen «New Look» verpasst. Im Nachgang zu Konzil und Synode haben sie sich kirchlich und ökumenisch geöffnet und stellten das Kind in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Neue Methoden erweiterten die Jugendarbeit und gesellschaftliches Engagement gewann an Bedeutung. Gemeinsam mit anderen Jugend­verbänden konnte die Zusammenarbeit mit «Jugend und Sport» neugestaltet und die ­Arbeitsgemeinschaft Solothurnischer ­Jugendverbände (ASJV) gegründet werden. Die bisherige Geschlechtertrennung wurde durch­brochen und 1977 fand in Kestenholz das erste Kantonstreffen statt, zum dem sowohl Jungwacht- als auch Blauringscharen eingeladen wurden. Diese Zusammenarbeit wurde gefestigt durch eine gemeinsame Jubla-Kantonsleitung sowie durch die Schaffung der Kantonalen Arbeitsstelle (Kast). Und die Zusammenarbeit wurde 1983 gefeiert mit einem Jubiläumsfest unter dem Motto «Nanibabuland». 

Ursprünge im Verbands­katholizismus
Die Jugendverbände Blauring und Jungwacht sind in den 1930er-Jahren im Rahmen des gesellschaftlichen Katholizismus entstanden. Die Bewegung des Katholizismus stützte sich auf das christliche Menschenbild und die katholische Soziallehre. Sie suchte nach Formen, wie der Glaube in der sich wandelnden Moderne gelebt werden kann. Dazu organisierte sich die Bewegung in Vereinen, publizierte Zeitschriften und gründete soziale Institutionen. Für die Jugendlichen war es damals wichtig, überhaupt öffentlich wahrgenommen zu werden. Mit dem Auftritt in Kluft und mit Fahnen standen sie ein für Kirche und Vaterland und gegen die totalitären Ideologien und den Krieg. Später richteten die Jugendverbände ihr Engagement auf die Bekämpfung der Nöte in der Dritten Welt und die Unterstützung der Missionsorganisationen. Auf ihre Initiative wurde 1961 das Hilfswerk «Fastenopfer» (heute «Fastenaktion») gegründet. Mit dem Wandel der Zeit entwickelten die Jugendverbände auch die kirchliche Jugendarbeit stets weiter, passten ihre Formen und Sprache den neuen Generationen an und integrierten sich mit ihren Werten in die moderne Gesellschaft.  

Spannungen in der Kirche
Die Kirchenleitung blieb lange in vielen Fragen auf einem antimodernistischen Kurs und hatte Mühe mit den Entwicklungen in den katholischen Verbänden. Die ganze 90-jährige Geschichte der Jugendverbände ist von diesen Spannungen geprägt. Es dauerte oft viele Jahre, bis die offizielle Kirche die Entwicklung nachvollzogen hatte. In der Ära von Papst Johannes Paul II. wurden die neuen geistlichen Bewegungen gefördert, die in evangelikalem Stil Lobpreise zelebrierten, an Weltjugendtagen den Papst feierten und inhaltlich konservative Positionen vertraten. Sie sollten den Jugendlichen eine Alternative bieten und wurden zu Konkurrenten der Jugendverbände und des Verbandskatholizismus insgesamt. Die neuen Bewegungen warfen den Verbänden vor, dass der Glaube in ihrem gesellschaftlichen Engagement und ihren Integrationsbemühungen verdunste. Umgekehrt wurde den neuen Bewegungen eine Art Weltflucht in spirituelle Frömmigkeitsformen vorgeworfen. Das Engagement in der Welt und das spirituelle Krafttanken sind jedoch zwei Seiten des Christseins, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Gerade in der heutigen Kirchenkrise sehen die Verantwortlichen der Kirchen, wie viel sie von den Jugendorganisationen immer wieder hätten lernen können, um à jour zu bleiben. 

Ein motivierendes Fest 
Eine Chance dazu bietet das Paradisos 2022. Es soll ein Fest werden, dass die Motivation gerade für leitende Jugendliche stärkt. Das Fest ist aber auch ein attraktiver Treffpunkt für Ehemalige, Eltern oder Interessierte. Bei einem Besuch am Sonntagnachmittag kann das heutige Jubla-Leben kennengelernt und können alte Bekannte getroffen werden. Gleichzeitig erfahren die aktiven Leiterinnen und Leiter Wertschätzung aufgrund des bekundeten Interesses. Sowohl für aktive wie auch für ehemalige Engagierte bedeuten Begegnung, Vernetzung und Austausch eine Chance und eine Bereicherung. Erwachsene und Ehemalige können sich so gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen auf die Suche nach einer nachhaltigen Zukunftsstadt machen, einer Art «neuem Jerusalem».