Editorial

Offen für Gott und die Menschen

Das 75-Jahr-Jubiläum der Heiligsprechung von Niklaus von Flüe fällt in eine Zeit des Krieges. Mord, Totschlag, Vertreibung und Zerstörung von Lebensgrundlagen sind im Krieg in der Ukraine allgegenwärtig. Ein Krieg zwischen christlich geprägten Ländern, in Russland politisch unterstützt durch den Patriarchen der russisch-­orthodoxen Kirche gegen eigene Kirchenangehörige in der Ukraine.

Umso mehr lohnt sich der Blick auf den Schweizer Friedensheiligen – ja, die Besinnung auf Niklaus von Flüe drängt sich besonders heute auf. Wenn man aber zum Nachdenken über einen Heiligen aufruft, stellt sich schnell die Frage, was bedeutet «heilig»? Kurt Kardinal Koch gab in der Festmesse am 15. Mai 2022 in Sachseln dazu eine eingängige Antwort: Heilig sein heisst, sich für Gott und Gottes Willen zu öffnen, Gott im eigenen Leben Heimat zu geben. Niklaus von Flüe ist dies gelungen. Mit dem mit seiner Ehefrau Dorothea Wyss abgestimmten Abschied von der Familie ist er nicht einfach in die Einsamkeit gegangen und hat sich nicht von der Welt verabschiedet. Heiligkeit geht anders: «Weil Bruder Klaus für Gott ganz bewohnbar geworden ist, hat er auch ein offenes Herz für die Mitmenschen gehabt (…). Er hat die Anliegen und Sorgen der Menschen (…) in seine innere Wohnung hineingenommen; und er ist zu einem weisen Ratgeber bis in die Politik hinein geworden, indem er sich für den Frieden in der damals arg zerstrittenen Eidgenossenschaft eingesetzt hat. Denn er ist überzeugt gewesen, dass der wahre Friede nur bei Gott gesucht und gefunden werden kann. Der Friede des Menschen mit Gott ist der erste und wichtigste Friede (…). Der Friede der Welt beginnt in der inneren Wohnung des Herzens mit dem Frieden, den nur Gott geben kann. Bruder Klaus wagt es deshalb sogar, Gott selbst mit dem Frieden zu identifizieren: ‹Fried ist allweg in Gott. Denn Gott selbst ist der Fried (…). Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Fried abstellet›» (Kurt Koch).

Das Konzept der Heiligkeit, das der Schweizer Kardinal entworfen hat, ist kein «Sondergut für Auserwählte», sondern für uns alle, für uns Christinnen und Christen im Alltag, in Zeiten der Not, in Zeiten der Kargheit, in Zeiten voller Schwierigkeiten. Das gibt Hoffnung und Mut! So ist es ein Geschenk, wenn wir uns gerade heute auf Niklaus von Flüe besinnen und um seine Fürbitte bei Gott für uns Menschen bitten dürfen, gerade auch für die Menschen, die besonders unter Gewalt und Krieg leiden.