Editorial

Hybrid

Am Katholikentag in Stuttgart bin ich immer wieder dem nebulösen und vielschichtigen Wort «hybrid» begegnet. Am bekanntesten sind die Hybrid-Autos, die mit einem Benzin- und einem Elektromotor ausge­rüstet sind, ein erster Schritt für einen ökologischeren Strassenverkehr. Hybrid meint hier also, dass Unterschiedliches zusammenkonstruiert wird, um ans Ziel zu kommen. Geredet wird auch von Putins hybridem Krieg, mit dem er seine Machtansprüche durchsetzen will. Neben dem verwerflichen militärischen Angriffskrieg gegen die Ukraine provoziert er einen Cyberkrieg, einen Gaskrieg, einen Nahrungsmittelkrieg und einen Flüchtlingskrieg, um den Westen und die übrige Welt zu destabilisieren. Die russische Führung hofft, dass sich die Medien schon bald vom Ukraine­krieg abwenden und lieber über die Demonstrationen gegen hohe Preise und die vielen Flüchtlinge berichten werden. Wie lange wird Solidarität und Einigkeit halten?

Auch die vatikanische Diplomatie wird rund um den Ukrainekonflikt als hybrid wahrgenommen. Unterschiedliche Botschaften sind ausgesandt worden. Es ist nicht lange her, da waren sich der Papst und der russische Patriarch noch einig in ihrer Kritik am gesellschaftlichen Liberalismus der westlichen Welt. Nun fordern Gläubige und Amtsträger weltweit Solidarität mit der Ukraine, ein Einstehen für die westlichen Werte und reklamieren diese auch innerhalb der Kirche. Wie wird sich der Vatikan neu positionieren? 

Auch der innerkirchliche Reformprozess wird in Stuttgart als hybrid bezeichnet. Die Gläubigen sollen einander zuhören, Klerikalismus und Missbrauch aufdecken und Reformvorschläge für die Zukunft der Kirche formulieren, denn «der Glaubenssinn des Volkes Gottes kann niemals irren». Gleichzeitig wird bei allen Diskussionen mahnend auf die geltende Kirchenlehre verwiesen, nach der alle Autorität beim Papst allein liege. Wie soll das zusammengehen? «Synodal» heisst die Antwort, ein anderes Wort für hybrid? Denn Unten und Oben, Unterschiedliches und Gegensätzliches sollen zusammengeführt und erneuert werden. Das kann eine Chance sein, aber nur, wenn wir «die Kirche vom Kopf auf die Füsse stellen.»

Ich wünsche Ihnen eine gute Orientierung in einer synodalen Kirche und hybriden Welt. 

Kuno Schmid