Schwerpunkt

Gärten

von Kuno Schmid

Sonne und Wärme des Sommers locken uns vermehrt aus dem Haus. Viele geniessen es, bei ­schönem Wetter draussen zu sein. Spielen und essen im Freien, im Schatten entspannen oder einfach die Natur betrachten. Besonders schön ist es dabei in Gärten und Parks, wenn Bäume Schatten ­spenden, Blumen und Kräuter duften und gar Beeren und Früchte locken. Es ist eine Gelegenheit den Garten selber zum Gegenstand sommerlichen Nachdenkens zu machen.  

Erinnerungen
Für uns Kinder war der Garten eher eine Problemzone. Immer wieder landete der Ball im Gemüsebeet oder in den Rosen neben dem kleinen Spielfeld – und dann gab es Ärger. Mühsam war auch, wenn wir beim Unkraut jäten mithelfen mussten. Einen positiven Bezug zum Garten entwickelte sich erst, als der Vater jedem von uns Kindern ein eigenes kleines Beet bereitete, in dem wir selber anpflanzen und später ernten durften. Das machte die Sache interessanter. Wir beobachteten, wie die Pflänzchen wuchsen und freuten uns über die ersten kleinen Erdbeeren. Ohne viele Erklärungen erlebten wir, wie das Leben am Werk war, wie die Schöpfung gedeiht. Unser Garten zwischen den Häusern der Arbeitersiedlung war relativ klein. Die Grosseltern aber, die hatten einen Pflanzplätz ausserhalb des Dorfes. Da wurden Kartoffeln und Gemüse in Mengen geerntet, die für den ganzen Winter reichten. Und an den Rändern ­blühten Stauden und Blumen, so dass über das ganze Sommerhalbjahr immer ein ­Blumenstrauss zusammengestellt werden konnte. 

Schrebergärten
Nach einem solchen Pflanzplätz sehnen sich viele, die heute in den Mehrfamilienhäusern der Städte und Agglomerationen wohnen. Obwohl sie jederzeit Salate, Gemüse und Blumen in den Läden kaufen können, möchten es manche doch lieber aus dem eigenen Garten. Deshalb sind die Schrebergärten so begehrt. Hier kann eine kleine Parzelle gepachtet und dieses Stück Land selber gestaltet und bepflanzt werden. Man hat einen Ort, wo man draussen sein und sich alles schön einrichten kann. Ihren Namen haben diese Gartenanlagen im Gedenken an den umstrittenen Arzt und Orthopäden Moritz Schreber aus Leipzig erhalten. Er hat vor über zweihundert Jahren die positive Wirkung der «körperlichen Ertüchtigung» insbesondere für Kinder beschrieben. Die von ihm geförderte Turnbewegung hat die später geschaffenen Spielwiesen und Gärten nach ihm benannt. Nebst Schrebergärten sind neue Quartiere als «Gartenstädte» angelegt worden, in welchen zu jeder Wohnung ein kleines Stück Garten gehört. 

Eine Heimat für alle
Heute sind es oft auch Familien mit Migrationshintergrund, die sich einen Schrebergarten anlegen. Das frühere Klischee von Gartenzwergen und Schweizerfahnen ist einer bunten Vielfalt von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen und religiösen Wurzeln gewichten. Seite an Seite werden Familiengeschichten und Erinnerungen ausgetauscht, Zukunftsträume und Heimweh geteilt, über Grillmethoden und Musik diskutiert. Es ist ein Bild für eine Schweiz, in welcher Vielfalt und Integration ein Stück Heimat für alle schafft. Gemeinsam wird denn auch der 1. August gefeiert und der Schweizerpsalm mit rhythmischem Balkan-Sound intoniert. Rolf Lyssy hat diese wohlgeordnete und doch konfliktanfällige Gartenidylle in seinem Sommerfilm «Eden für jeden» 2020 eingefangen. Er schlägt mit diesem Titel zugleich eine Brücke zum biblischen Bild vom Paradies. 

Sehnsuchtsort 
Der Garten Eden, das biblische Paradies, ist der Ort, wo die ersten Menschen unbeschwert und wohlversorgt leben. Sie sind eins mit der Natur und in lebendiger Beziehung zu Gott. Kulturhistoriker bezeichnen es als die Zeit vor der Sesshaftwerdung der Menschheit, als die Vorfahren als «Jäger und Sammler» nomadisch umhergezogen sind. Dieses paradiesische Leben ging den Menschen verloren, sie wurden aus dem Garten Eden vertrieben. Mit der Sesshaftwerdung sind all die Herausforderungen von Ackerbau und Viehzucht, von Eigentum und Arbeitsteilung, von Epidemien und Katastrophen, von gesetzlichen Regelungen und gesellschaftlichen Strukturen auf die Menschen zu gekommen, mit denen wir uns bis heute herumschlagen. Das Paradies ist verloren, doch der Garten bleibt gerade deshalb ein Sehnsuchtsort, ein Stück heile Welt, mit Momenten von unbeschwerter Freude und Freiheit. Im Gegensatz zum komplexen Alltag wird der Garten zum kleinen Paradies, das man nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. Man fühlt sich hier nahe an der Schöpfung und nahe an der göttlichen Schöpferkraft. In manchen Klöstern sind deshalb Gärten zur Erbauung und zur Versorgung als Paradiesgärten angelegt worden. Um einen Brunnen reihen sich der Kräutergarten für Küche und Apotheke, die Beete für das Gemüse, die Hecken für Blumen und Beeren und die Hofstatt mit Obstbäumen. Klostergärten gelten fortan als Vorbilder für die Pflanzplätze der breiten Bevölkerung.

Zwischen Wildnis und Ordnung
Ein Garten ist zwar Teil der Natur, aber das Bedrohliche und Angstmachende der Wildnis bleibt möglichst ausgegrenzt. Er ist ein geschütztes Stück Natur, das von Menschenhand gestaltet und kultiviert ist. Im Garten begegnen sich auf diese Weise Natur und Kultur, chaotische Lebenskraft und schöpferische Ordnung, das macht ein Stück seiner Faszination aus. Die Menschen gestalten ihn zu ihrem Nutzen und nach ihrer Vorstellung von Schönheit. Diese Vorstellungen sind vielfältig und haben sich über die Jahrhunderte gewandelt. In den französischen Barockgärten beispielsweise dominiert die Ordnung. Repräsentative Pärke bilden die symmetrische Schlossarchitektur ab und führen diese mit geformten Blumenbeeten und Zierhecken weiter. Die englischen Landschaftsgärten der Romantik betonen eher die Empfindungen für die Wildheit der Natur. Verschlungene Wege führen durch wald­ähnlich bepflanzte Pärke oder gestalten eine Landschaft neu zu einer besinnlichen Eremitage (wie beim Wengistein und in der Solothurner Verenaschlucht). In neuerer Zeit werden die privaten Nutzgärten in Naturgärten umgewandelt, die zu ökologischen Nischen für wilde Tiere und Pflanzen werden. Auch auf kleinstem Raum oder auf Balkonen werden Töpfe und Hochbeete naturnah bepflanzt und leisten so einen Beitrag zur Biodiversität.

Lebenskraft der Gärten 
Nicht nur in der Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel steht ein Garten im Zentrum (Gen 2). Auch zum Schluss verheisst der Seher Johannes einen neuen Garten mit einem Fluss lebendigen Wassers und geziert von Bäumen des Lebens, die Früchte tragen und der Heilung der Völker dienen (Off 21). Zwischen diesen visionären Gärten liegt die harte Realität des Gartens Gethsemane, dort beginnt die Leidensgeschichte Jesu. Es ist der Garten des Wartens und Zweifelns, der Garten der Stille und des Gebets. Und die Leidensgeschichte endet im Garten mit dem leeren Grab. Hier begegnet Maria Magdalena dem Auferstandenen, den sie als Gärtner wahrnimmt. In diesen irdischen Gärten ist Jesus mit uns, in Angst und Trauer, in Hoffnung und Freude, in Leben und Sterben, bis hin zum Friedhofsgarten, auf dem viele Verstorbenen ihre letzte Ruhe finden. Die Gärten sind ein Sinnbild für die Lebenszusage Gottes über den Tod hinaus. Sie machen die Lebenskraft spürbar und lassen erahnen, was Jesus verheisst: «Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.» (Joh 10.10)  

Kuno Schmid ist im Herbst 2016 zum Chef­redaktor des Kirchenblattes gewählt worden. Mit dieser Sommer-Doppelnummer schliesst er seine Tätigkeit ab und geht in Pension. Das Redaktionsteam und der Vorstand des Trägervereins danken ihm für seine Arbeit. Ab 1. August 2022 übernimmt Reto Stampfli, Solothurn, die Leitung der Redaktion.