Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Schwerpunkt

Segnen bringt Segen

Silvia Rietz ist Journalistin, Konzertveranstalterin, engagierte Christin und Redaktions­leiterin des Antoniusheftes. Sie gehört neu zum Redaktionsteam des «Kirchenblatt».
von Silvia Rietz

Segnen und gesegnet werden sind aus unserem Alltag und Bewusstsein verschwunden. In der ­Umgangssprache hingegen sind einige Redewendungen einer früher einmal ­selbstverständlichen Segenskultur erhalten geblieben. Es lohnt sich, den Sprüchen und Segens­wünschen ­nachzuspüren und das Segnen als schützende Kraft wiederzuentdecken.  

Früher war das Segnen in den Familien präsent: Der Vater oder die Mutter segnete das Brot, bevor es angeschnitten wurde. Beim Essen wünscht man sich «guten Appetit». Der Wunsch ist vom früheren «gesegneten Appetit» hergeleitet. Nicht zu verwechseln mit der Feststellung, eine Person besitze einen gesegneten Appetit, die ausdrückt, dass sie grosse Portionen verschlingen kann. Prangen viele Früchte am Baum, sprechen wir vom «Erntesegen». Kündet sich eine Erbschaft oder ein Gewinn an, winkt ein «Geldsegen». Manchmal hängt der «Haussegen» schief oder der Vorgesetzte will ein Konzept nicht «absegnen». Finden wir eine Idee oder einen Vorschlag machbar, bekräftigen wir die Zustimmung mit «meinen Segen hast du». Schreiben wir Geburtstagskarten, so wünschen wir «Glück und Segen». Selbst in Abschiedsgrüssen wie «gute Reise» oder im alltäglichen «Tschüss» steckt etwas vom alten Segenswissen. Dass eine Reise gut verläuft, liegt nicht allein in meiner Hand. Das «Adieu» zum Abschied empfiehlt uns dem Schutz des Allmächtigen, leitet sich von «A Dieu» ab und meint so viel wie «Gott befohlen». Derjenige, der zurückbleibt, gibt jenem, der geht, den Segen mit auf den Weg. Er soll ihn beschützen und in Notlagen stärken. «An Gottes Segen ist alles gelegen», wussten schon unsere Grosseltern. 

DU SOLLST EIN SEGEN SEIN
Im Buch Mose sagt Gott zu Abraham: «Ich will Dich segnen… und Du sollst ein Segen sein.» Gott verheisst Abraham viel Gutes. Mit der Aufforderung «Du sollst ein Segen sein» meint Gott, dass Abraham ihm vertrauen darf und diesen Segen weiterschenken soll, indem er Gutes tut. Bitten wir um Segen, dann beten wir zu Gott. Wenn wir hingegen einen Segen aussprechen und andere segnen, dann tun wir dies mit Gott. Segnen und gesegnet werden heisst immer, Lebenskraft empfangen und weiterschenken. So werden wir für andere zum Segen. Alles, was uneigennützig geschieht, um anderen Menschen zu helfen, sie zu unterstützen und ihnen Freude in den Alltag zu bringen, bedeutet Segen verbreiten. Segen durchzieht unseren Alltag in vielen Nuancen. Segnen heisst, jemanden oder etwas Gottes Gegenwart anvertrauen. Was unter dem Segen steht, wächst und gedeiht. 

SEGEN ENTFALTET SICH IN KRISEN
Die Sehnsucht und Hoffnung, das Leben möge gelingen, lässt Menschen für den Segen offen werden. Beim Segnen und gesegnet Werden wird Gnade spürbar. Die Jüdin Edith Hahn Beer (1914–2009) studierte 1938 in 
Wien, als die Nazis auch dort die Macht ergriffen. Sie überlebte den Holocaust als sogenanntes «U-Boot», ständig in Gefahr, enttarnt zu werden. In ihrem Erinnerungsbuch «Ich ging durchs Feuer und brannte nicht» beschreibt sie die Macht des Segens unprätentiös und nüchtern: «Ein polnischer Rabbiner klopfte an die Türe und fragte, ob er hier das Abendgebet sprechen dürfe. Natürlich erlaubte Mama es ihm gerne. Als er fertig war, fragte sie ihn, ob er einen Segen für ihre kranke Tochter sprechen könne. Er kam an mein Bett, beugte sich über mich und tätschelte meine Hand. Sein Gesicht strahlte Wärme und Gutmütigkeit aus. Er sagte etwas auf Hebräisch, einer Sprache, von der ich dachte, ich würde sie nie lernen. Dann ging er. Und ich wurde gesund. In späteren Jahren, als es Augenblicke gab, in denen ich sterben zu müssen glaubte, erinnerte ich mich an diesen Mann und tröstete mich mit dem Gedanken, dass sein Segen mich beschützen werde.» Im Segen liegt etwas Tiefes, Bleibendes und Mystisches, auch wenn das Glück sich längst verflüchtigt hat. Ein Heilsversprechen, welches die junge Edith durch die Schrecken und Gefahren der Nazizeit trug. Oft lassen sich Erlebnisse erst im Nachhinein als Segenserfahrung erkennen.  

URBI ET ORBI
Zu den berühmtesten und bedeutsamsten Ritualen der römisch-katholischen Kirche gehört der Segen «Urbi et orbi», den der Papst jährlich zu Weihnachten, zu Ostern und direkt nach der Papstwahl über die Stadt Rom und den ganzen Erdkreis erbittet. Mit dem Segen «Urbi et orbi» ist nach katholischer Lehre allen, die ihn hören oder sehen und guten Willens sind, ein vollkommener Ablass gewährt. Dies bedeutet nicht die Vergebung der Sünden, sondern lediglich die Bestrafung wird erlassen. Dafür mussten die Empfänger früher auf dem Petersplatz oder in Sichtweite des Spenders anwesend sein. Da auch die katholische Kirche mit der Zeit geht, kann der Segen seit 1967 auch über Radio, seit 1985 über das Fernsehen und seit 1995 über das Internet gültig empfangen werden. In der Ortskirche spendet der Bischof, der Priester oder Diakon am Ende des Gottesdienstes den Schlusssegen: «Es segne und behüte euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.» 

SEGENSKULTUR UND SEGENS­WÜNSCHE
Nicht nur Priester dürfen segnen, sondern alle Gläubigen können einem anderen Menschen Gottes Segen zusprechen. Segenswünsche und Segensrituale können trösten, aufbauen und auch Impulse sein, sich zu sammeln und innezuhalten. Bekannt sind die irischen Segenswünsche, die sich für Taufen, Hochzeiten und andere Lebensstationen eignen. Diese alten Segenswünsche wurden in Irland früher von Generation zu Generation mündlich überliefert, daher lassen sich die ursprünglichen Verfasser nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass die Segensformeln aus dem keltischen Glauben stammen, der im angelsächsischen Raum verbreitet war. Die Segenssprüche haben eines gemeinsam: Sie drücken immer etwas Gutes aus, das man sich oder dem Angesprochenen wünscht. Diese Bitten an Gott und die guten Wünsche in den zahlreichen irischen Segensformeln eignen sich nicht nur als gesprochene Worte, sie verleihen auch Büchern und Karten eine positive Spiritualität. Sie erfüllen das, was Segnen bedeutet: Gutes wünschen im Zeichen und Namen des Allmächtigen: «Gott segne dich!», «Gott behüte dich!», «Gott schütze dich!».

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IRISCHER SEGENSWUNSCH 

Mögen sich die Wege
vor deinen Füssen ebnen,
mögest du den Wind
im Rücken haben.

Möge warm die Sonne
auch dein Gesicht bescheinen,
möge Regen sanft
auf deine Felder fallen. 

Und bis wir uns wieder sehn,
möge Gott seine schützende Hand
über dich halten.