Aktuelle Nummer 05 | 2024
25. Februar 2024 bis 09. März 2024

Markus Ries: Seelsorgende ohne Weihe sind nur Übergangslösung

Der Priesterschwund in der katholischen Kirche hält seit Jahrzehnten an. Deshalb haben Laiinnen und Laien mehr und mehr Aufgaben in der Pastoral übernommen. Längst sind «funktionale Kleriker ohne Weihe» unersetzlich, weil die Kirche sonst gar nicht mehr funktionieren würde. Laut Theologieprofessor Markus Ries ist dies eine Übergangssituation – die sich wieder ändern werde.

Wer am Sonntag in der Schweiz in den Gottesdienst geht, hat sich längst daran gewöhnt – und schätzt gleichzeitig diese Situation: Zahlreiche Frauen und Männer wirken mit in der Liturgie.

Sie sind Kommunionhelferinnen und -helfer. Sie tragen Lesungen und Fürbitten vor, sie sitzen an der Orgel oder treten als Ministrantinnen und Ministranten in Erscheinung. Und: An vielen Orten sind es auch Nicht-Geweihte, welche die Gottesdienste leiten.

Lebendige Kirche profitiert von Gemeinschaft

Eine lebendige Kirche profitiert von einer Gemeinschaft, die von vielen mitgetragen wird. Neben Priestern und Diakonen sind es «Personen ohne Weihe, die eine Art funktionalen Klerus bilden», wie Kirchenhistoriker Markus Ries von der Universität Luzern analytisch präzisiert.

In der Schweiz ist es aufgrund des Priestermangels längst nicht mehr selbstverständlich, dass man am Sonntag überhaupt einer Eucharistiefeier beiwohnen kann. Denn Wortgottesdienste mit Kommunionfeiern weisen laut Schätzung von Ries im Verhältnis zu Heiligen Messen mittlerweile ein zahlenmässiges Übergewicht von zwei Dritteln zu einem Drittel auf.

«In einem ähnlichen Verhältnis liegt wohl auch die Zahl von geweihten Klerikern zu funktionalen Klerikern ohne Weihe», schätzt Kirchenhistoriker Markus Ries.

Boom seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Allerdings sei die Situation regional sehr unterschiedlich. «Im Pastoralraum Luzern werden beispielsweise zwei von insgesamt neun Pfarreien von Geistlichen geleitet, sechs von nicht geweihtem Klerus. Darunter seien auch Frauen. «Sie sind bisher ja immer noch nicht zur Weihe zugelassen.»

Diese Entwicklung in Sachen Pastoral, sprich: die zunehmende Integration von Laiinnen und Laien, hat aus seiner Sicht nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil besonders Fahrt aufgenommen. Seit den 1970-er Jahren habe dann der Priestermangel eingesetzt, der sich in den vergangenen Jahrzehnten verschärft habe. «Ohne Ungeweihte funktioniert es deshalb längst nicht mehr in der Kirche», resümiert der Luzerner Theologe.

Andererseits sei auch die «gesunde finanzielle Basis» der katholischen Kirche für die aktuelle Situation bedeutsam. «In Kirchen ohne solide finanzielle Grundlage wäre ein professionelles Engagement von Laien in diesem Ausmass nicht denkbar», ist er überzeugt.

Laien als «Lokomotive» der katholischen Kirche

Mit Blick auf die Kirchengeschichte stellt sich die Bedeutung von Laien allerdings heute nicht als einzigartig dar. «Denn seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und seit dem Kulturkampf in der Schweiz waren Laienpersonen die Lokomotive für die Expansion und das Fortbestehen der katholischen Kirche», versichert Markus Ries.

Katholikentage sind wichtig für die DNA der katholischen Kirche - und sind eine Erfindung von Laiinnen und Laien.

Er spricht damit die Bedeutung des sogenannten Verbandskatholizismus an – der sich beispielsweise in Organisationen wie dem Schweizerischen Katholischen Volksverein und dem Katholischen Frauenbund manifestiere.

Die Bedeutung von Katholikentagen

An Geistlichen habe es damals noch gar nicht gefehlt. Dennoch: «Die Katholikentage in der Schweiz oder in Deutschland, die für die Entwicklung der Kirche so wichtig sind, werden von Laien getragen», so Ries.

Generell weist Markus Ries den nicht-geweihten Seelsorgenden eine hohe Bedeutung zu. Sie machen auch einen gewichtigen Teil der kirchlichen Hierarchie aus: Weil sie eben zahlenmässig mit deutlichem Übergewicht und professionell die verschiedensten Aufgaben der Kirche und der Diakonie managen. «In diesem Sinn nimmt zum Beispiel Bernd Nilles als Geschäftsleiter der Fastenaktion eine zentrale Position in der kirchlichen Hierarchie ein», erläutert Ries.

Nur eine Übergangssituation

Doch zurück zu den Seelsorgenden. Wird deren zahlenmässige Dominanz in den kommenden Jahren möglicherweise noch zunehmen? Schliesslich ist davon auszugehen, dass der Priestermangel nicht an Aktualität verlieren wird.

Der Luzerner Theologe Markus Ries ist überzeugt, dass es sich nur um eine Übergangssituation handelt. «Die Kluft zwischen geweihtem und funktionalem Klerus wird überwunden werden», sagt er. Wobei er in Zeiträumen von 20 bis 50 Jahren denkt. Aber woher nimmt er bloss diesen Optimismus? Eine Priesterschwemme wird wohl nicht zu erwarten sein. Im Gegenteil.

In der nächsten Generation: Frauen werden ordiniert

«Die Entwicklung läuft langfristig darauf hinaus, dass künftig alle, die auf Dauer und professionell eine bestimmte Aufgabe wahrnehmen, für diese Funktion auch geweiht sein werden – unabhängig von Geschlecht oder Zivilstand. So entspricht es auch der ursprünglichen Tradition – und die Kirche ist ja dafür bekannt, dass sie Traditionen achtet».

Er geht auch davon aus, dass Frauen vermutlich in der nächsten Generation die Weihen empfangen werden. «Diese Entwicklung wird niemand aufhalten.»