Aktuelle Nummer 05 | 2024
25. Februar 2024 bis 09. März 2024

Neue Facetten aus dem Leben von Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss

Niklaus von Flüe gehört zu den Schwergewichten der Schweizer Heiligen. Nun gibt es zwei neue Publikationen über Bruder Klaus. Stephan Leimgruber, Herausgeber des einen Werks, berichtet darüber in seinem Gastbeitrag. Alte Quellen und der Blick auf die Ehefrau des Heiligen bieten Vertiefung.

Die eine Publikation trägt den Titel «Niklaus von Flüe aus 12 ältesten Quellen erschlossen». Geschrieben hat sie Othmar Frei, der 2022 verstorbene ehemalige Präfekt der Luzerner Jesuitenkirche. Frei war auch lange Zeit Religionslehrer am Luzerner Lehrerseminar.

Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert

«Lasst die Quellen sprechen!» Diese Aufforderung ist für kaum einen Heiligen gültiger denn für Niklaus von Flüe (1417–1487). Frei nutzte seine soliden Kenntnisse in der Bibelexegese, gepaart mit der ihm eigenen Sorgfalt und Genauigkeit bei der Untersuchung der zwölf wichtigsten und ältesten Quellentexte über den Eremiten. Die Publikation ist als digitale Veröffentlichung allen Interessenten zugänglich ab dem 11. März 2024. Ausserdem sind hundert kopierte Broschüren erhältlich.

Die Quellen, die der Autor auswertete, stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Das Ergebnis ist «ein karges, aber doch auch ein kraftvolles und anziehendes Bild seiner Persönlichkeit und seines Lebens», das historisch sehr gut abgestützt ist. Frei verdient einen Platz in der langen Tradition der Auseinandersetzung mit Niklaus von Flüe und seiner Ehefrau Dorothee Wyss.

Neues Interesse an Dorothee Wyss

Das zweite Werk trägt den Titel «Inspirationen eines modernen Ehepaars» und ist dieses Jahr beim Rex Verlag Luzern erschienen. Herausgeber ist der Autor des vorliegenden Beitrags. Das Lesebuch zeichnet sich durch 42 kurze Beiträge aus, die Hälfte davon vom Herausgeber verfasst. Die Texte geben auch bei einer punktuellen Lektüre Impulse für die täglichen Herausforderungen und bilden den aktuellen Stand der Bruder-Klausen-Forschung ab.

Diese konzentriert sich vermehrt auf Dorothee Wyss (1430/32-1489/90), die Ehefrau von Bruder Klaus. Papst Johannes Paul II. nannte sie eine «heiligmässige Frau» (1984) und liess sie über Erzbischof Karl Rauber und Bruder-Klausen-Kaplan Josef Eberle biografisch erforschen. Die Ergebnisse Werner T. Hubers und neuerdings Roland Gröblis (2019) konnten sie aufgrund der im Kloster Engelberg aufbewahrten Quellen historisch und kulturell erfassen, so dass sie heute biografisch klar markiert ist. Dabei stellte sich heraus, dass Dorothee Wyss nicht nur explizit ihre Zustimmung zum Ranft-Projekt ihre Mannes gab, sondern auch, dass sie zusammen mit den ältesten Söhnen Haus und Hof verantwortete und nicht zuletzt ihre schützende Hand auf Niklaus’ Unternehmen legte.

Nicht weniger als 45 Besucher sind namentlich bekannt, die wohl durch sie, die Familie und die Seelsorger zu Niklaus geführt wurden und seine Meinungen, seine Theologie, seine Visionen, sein Gebet und seine Mystik etwa mithilfe des Meditationsbildes bekannt machten.

Verbundenheit und unterschiedliche Wege

Beachtet wird die Tatsache, dass Niklaus und Dorothee zwanzig Jahre im gleichen Haus wohnten und arbeiteten und dass beide weitere zwanzig Jahre verbunden blieben, obwohl sie unterschiedliche Lebenswege beschritten. Das Einsiedler-Ideal ist von der mittelalterlichen Kreuzesmystik her zu verstehen, die Niklaus übernommen und eigens weiterentwickelt hat. Das moderne Ehepaar war miteinander tief verbunden und gleichwohl gingen die beiden keine Symbiose ein, sondern beschritten unterschiedliche Wege.

«Dorothee Wyss und Niklaus von Flüe haben es offenbar geschafft, ganz unterschiedliche Wege zu gehen und dabei noch enger zusammenzukommen… Paare machen Geschichte, oft durch gegenseitiges Potenzieren, was gar nicht beabsichtigt war. Darin liegt das Geheimnis der Beziehung, sie generiert ungeahnte Kräfte, die in alle Richtungen gehen können» (Anton Ladner).Vier solcher Inspirationen sind im neuen Buch von vier Frauen exemplarisch entfaltet.

Neues Licht auf Niklaus von Flüe

Natürlich hat die neue Sicht auf Dorothee auch wieder neue Erkenntnisse über Niklaus von Flüe gebracht. Auf ihn passt das Bild des klassischen (einsamen) Eremiten nicht mehr, da er bei aller solitären Meditation doch recht kommunikativ war. Eva-Maria Faber präsentiert eine weisheitliche Annäherung an Bruder Klaus und charakterisiert ihn durch «Radikalität und Freundlichkeit». Roland Gröbli zitiert und kommentiert zehn authentische Worte von Bruder Klaus und Dorothee. Albert Gasser beschreibt ihn als bodenständigen Heiligen und zuhörenden Ratgeber. Und anlässlich des 75. Jahres der Heiligsprechung bedenkt Kardinal Kurt Koch die augustinische «Einwohnung Gottes» im Ranft-Heiligen.

Ranftpädagogik

Eine «Ranftpädagogik» zielt mit Patrick Höring darauf hin, Jugendliche nachdenklicher zu machen, sie zu sich selbst finden zu lassen und ihre eigene Mitte in der persönlichen Tiefe aufzuspüren. Das reichhaltige Meditationsbild des Bruder Klaus wird zur Sprache gebracht. Die Tradition des Ranfttreffens der Jungen Gemeinde, ab 1997 von Jungwacht und Blauring (Jubla), wird ebenso thematisiert und als schöner Baustein kirchlicher Jugendarbeit und beispielsweise auch der Firmvorbereitung vorgestellt.

Interreligiöse Sicht

Die neue Publikation geht auch auf den Dialog der Religionen ein. Die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam weisen eine bedeutende mystische Richtung auf. Zunächst erfolgen grundsätzliche Überlegungen zur religiösen Erfahrung und Mystik bei Bruder Klaus in interreligiöser Sicht von Roland Gröbli. Gerade weil auch der Islam eine betont mystische Dimension kennt und im Sufismus grosse theologische Vertreter hat, soll der Mystiker Bruder Klaus mit dem Sufismus des Islams in Bezug gesetzt werden. Werner T. Huber hat einen interreligiösen Vergleich von Bruder Klaus und Buddha erstellt, der weiterführt zu grundsätzlichen Überlegungen. Jedenfalls können sich auch Christinnen und Christen für die Mystik der buddhistischen Traditionen öffnen.

*Stephan Leimgruber ist Seelsorger im Pastoralraum Luzern. Bis 2014 war er Professor für Religionspädagogik an der LMU München.

Buchvernissage: «Inspirationen eines modernen Ehepaars» von Stephan Leimgruber (Luzern, Rex Verlag 2024). Das Lesebuch zeichnet sich durch 42 kurze Beiträge aus, hälftig vom Autor verfasst und hälftig zusammengestellte Beiträge, die auch bei einer punktuellen Lektüre Impulse für die täglichen Herausforderungen geben und den aktuellen Stand der Bruder-Klausen-Forschung abbilden. Am 24. März findet in der Jesuitenkirche in Luzern um 18 Uhr eine Buchvernissage statt.